104 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Religion hat sie sich schließlich unterjochen lassen. Allein
einen weitgehenden Einfluß hat sie dem rationalen Element
gleichwohl gestatten müssen. Er zeigt sich vor allem darin,
daß sie an den Stellen, wo dieser möglich war, wenig Fort—
schritte machte, wenn nicht gar verdorrte, zu vollstem Leben da—
gegen nur dort gelangte, wo das Eindringen einer rationalen
Auffassung so gut wie unmöglich schien.

2. In der Dichtkunst waren nach den kräftigen Anfängen
des 15. Jahrhunderts, vor allem im Drama, in der bildenden
Kunst nach dem verheißungsvollen Beginn des ersten Drittels
des 16. Jahrhunderts vor allem in der Landschaftsmalerei
Fortschritte möglich; jene hätten ein neues Verhältnis der
Phantasietätigkeit zur Wiedergabe menschlichen Lebens, diese eine
neue Auffassung der Natur erwarten lassen. Was hat sich nun
von diesen Aussichten verwirklicht?

Am deutlichsten sprechen hier, wie so häufig, die Erschei—
nungen auf dem Gebiete der bildenden Kunst.

Gewiß waren da in dem Gefühl für die Wiedergabe des
Landschaftlichen die Zeiten vorbei, da man nur Einzelheiten sah;
der ursprüngliche Standpunkt war verlassen, der in kindlich—
geheimnisvoller Weihe etwa aus Goethes Mignonlied: „Kennst
du das Land“ spricht. Auch wurden schon die großen Linien
der Landschaft künstlerisch gesehen, wenigstens wichen sogar die
konventionellen Berge allmählich den richtigen geologischen
Formen: der volle landschaftliche Kontur wurde erreicht. Ja
mehr, man ergriff auch schon den Gesamtcharakter einer Land⸗
schaft in seinem einfachsten Ausdruck; seit Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts gibt es, wenigstens in den Niederlanden, Maler der
Landschaften heißer Zonen, wie Franz Pott und Eekhout, und
sie haben bereits, wenn auch noch nicht frei ins Große schaffend,
doch Anerkennenswertes in der Charakteristik des Exotischen
geleistet.

Allein die Auffassung der Landschaft an sich im Sinne
eines großen lebendigen Organismus war doch noch nicht erreicht.