106 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Raumes entwickelte man nun auch in der Gartenkunst; wir
erkennen es zunächst aus den Stichen eines Vredemann de Vries
für die Niederlande, für das innere Deutschland auch aus
den Abbildungen Merians und Peter Schencks. Da werden
vor allem die Niveaudifferenzen ausgeglichen, teilweise mit
außerordentlichen Kosten, wie z. B. beim Heidelberger Schlosse.
Und in die platte Ebene werden platte, gerade Anlagen ein—
gezeichnet, im Hauptteile des Gartens nur Beete, danach
Sträucher und Bäume. Was dabei ergötzt, ist nicht das Er—
zeugnis der Natur; die Blumen ergeben nur Farbenwerte zur
Ornamentation des Bodens zwischen dem Linienspiel der Wege,
und die Laubengänge aus beschnittenen Bäumen fügen zu diesem
Linienspiel noch den Reiz scharf betonter symmetrischer Be—
handlung der Fläche.

War es nun denkbar, daß ein Zeitalter, das in der Garten⸗
kunst so empfand — und der spätere französische Gartenstil
des 17. und teilweise 18. Jahrhunderts erscheint vom künstle—
rischen Standpunkte aus nur als eine Fortbildung dieses älteren
Stiles ins Freiere —: war es denkbar, daß ein solches Zeit⸗
alter der freien Landschaft mit ganzem Verständnis entgegen⸗
kam? Auch hier überwog die verständige Auffassung: weit
entfernt war man im allgemeinen vom Romantischen, Pathe—
tischen, Gefühlsüberschwänglichen; und charakteristisch ist, daß
man auf dem Gebiete der Dichtung in dieser Zeit erst spät zur
stärkeren Beachtung der Landschaft und dann vornehmlich zur
Ausbildung des Idylls, des Schäferromans, des Lehrgedichts
gelangte: Paul Flemming, Brockes, Hagedorn, Haller, Ewald
von Kleist, Salomon Gesner. Auf dem Gebiete der Landschafts—
malerei aber überwog anfangs, sieht man von einigen Phan—
tasten ab, deren Anschauung man der pandynamistischen Natur—
auffassung parallelisieren könnte, die Vedute: klar und nüchtern
wurde die Natur studiert. Und niemals fehlte die menschliche
Staffage; im Grunde erschien die Landschaft immer noch nur
als Schauplatz menschlicher Tätigkeit. Es ist eine Auffassung,
die auch nicht verlassen wurde, als sich aus der Vedute einer—
seits eine aufs Wesentliche gestimmte realistische Landschaft,