Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 107
anderseits, freilich weniger auf germanischem als auf romanischem
Boden, eine in angeblicher Nachahmung der Antike stilisierte Land—
schaft entwickelte. Im Grunde war damit die innere Belebung
der Natur ausgeschlossen, die Belebung war Sache der Staffage.
Und so ist es bis zum Schlusse des individualistischen Zeit—
alters geblieben; alle jene Momente, welche der „geheimnis—
vollen Analogie zwischen den Gemütsbewegungen und den Er—
scheinungen der Sinnenwelt entquellen“!, fehlten; nur durch
Einführung der technischen Bewältigung des Lichtes gelangte
man im 17. JZahrhundert über die Landschaft des 16. Jahr—
hunderts hinaus, nicht aber durch subjektive Vertiefung der
malerischen Erfassung der Außenwelt.

Ein ähnliches Stocken der Entwicklung nimmt man je
länger je mehr auch auf dem Gebiete der Dichtkunst und vor
allem im Drama, der eigentlich modernen Dichtungsart, wahr.
Auch hier im inneren Deutschland mit Hans Sachs, in den
Niederlanden etwas später mit Vondel zwar noch ein kräftiger
Anlauf, aber dann ein Ermatten bis zum vollen Versiegen;
eben von der Reformbedürftigkeit des Theaters her sind die
ersten Versuche zur Entwicklung der modernen Dichtung aus—⸗
gegangen, und dramaturgisch vor allem hat Lessing sie fort⸗
gesetzt.
Die Psychologie des Mittelalters hatte das menschliche
Handeln im Grunde noch immer von übermenschlichen, sei es
göttlichen, sei es teuflischen Mächten, abhängig gedacht. Da
waren denn Gott und seine Heiligen die Schutzherren und
Ratgeber alles Guten gewesen, während der Teufel mit seinen
Heerscharen als privilegierter Intrigant auftrat. Und ent—
sprechend diesen das Ethos überaus vereinfachenden psycho—
logischen Grundlagen waren nur Typen auf die Bühne ge—
langt, bestimmte Personen mit bestimmtem, allgemein be—
kanntem Charakter: Wucherer und Diebe, Zauberer und Räuber
anfangs, später etwas feiner nuanciert betrügerische Wirte,
kupplerische Alte, verbuhlte Frauen, eifersüchtige Ehemänner

A. v. Humboldt, Kosmos 2, 66.