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Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
jektiver Verschuldung gelegt, sondern in die Schilderung des
gegenständlich Furchtbaren. Es sind Zusammenhänge, die die
entsetzlichen Greuelszenen, die Verstümmelungen, Enthauptungen,
Entehrungen auf offener Bühne erklären, wie sie dem Drama
des 17. Jahrhunderts und auch noch der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts geläufig waren. Es sind Momente, welche
zugleich auch die vorbildliche Bedeutung der antiken Bühne
für diese Zeit erklären, soweit deren Erzeugnisse auf einer
fatalistischen Weltanschauung beruhen; namentlich die Dramen
Senecas haben darum für die Entwicklung des niederländischen
wie des deutschen Dramas dieser Zeit eine große Rolle
gespielt.

Der größte Vertreter des individualistischen Dramas auf
deutsch⸗niederländischen Boden war Jost van Vondel. Be⸗
greiflich genug, daß die Niederlande auch auf diesem Gebiete
führend auftraten. Die niederländische Bühnenkunst neigt an
sich, auch heute noch, und zwar sowohl in Nord⸗ wie in Süd⸗
niederland, zu stärkerer Charakterisierung als die deutsche; zu—
dem besaßen die Niederlande in den Rederijkern schon des
15. Jahrhunderts, wenn nicht im Schauspiel, so doch im bühnen⸗
gerechten Auftreten bewanderte Liebhaber in großer Anzahl;
uͤnd als dann die großen Zeiten der Republik kamen, hat
Amsterdam auf gemeindeutschem Boden wie das erste große
gesellschaftlich-politische Leben so (seit 1617) auch die erste
ständige Bühne besessen.

3. Der Weg, der vom Empfinden des Schönen, gleichviel,
auf welchem Felde der Phantasietätigkeit, zur Darstellung des
Empfundenen führt, ist weit; und keinem Künstler ist es ge⸗
geben, ihn zu durchmessen, ohne an dem eigensten schöpferischen
Charakter seiner Vorstellungen einzubüßen. Hierauf beruht es,
wenn sich in der Zeit des Intellektualismus der Ausübung
künstlerischer Tätigkeit rationale Elemente anhängen konnten
bis zu dem Grade, daß sie ihr bestimmend, ja hemmend entgegen⸗
traten. Ist doch der Intellektualismus in dieser Richtung