Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 111
schließlich so weit fortgeschritten, daß er zuletzt wenigstens
theoretisch die Ausübung jeder Kunsttätigkeit als eine bloße
Nachahmung der Natur angesehen und die Künste selbst dem⸗
gemäß als lehr- und lernbar betrachtet hat.

Nun waren diese intellektualistischen Einflüsse am leichtesten
durchzufetzen auf dem Gebiete derjenigen Kimste, die sich der
Sprache bedienen; denn die Sprache ist an sich zunächst ein
Werkzeug des Denkens. Sie finden sich demgemäß nirgends
stärker entwickelt als in der Dichtkunst; und von diesem Gebiete
aus ist daher auch später, seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts,
die entschiedenste Gegenwirkung gegen sie erfolgt.

Viel weniger einschneidend konnten dagegen die rationalisti⸗
schen Einflüsse schon auf dem Gebiete der bildenden Künste
wirken; hier vermochten sie sich zwar auch der Technik im
weitesten Sinne des Wortes so ziemlich zu bemächtigen, in den
eigentlichen Empfindungsgehalt einzudringen dagegen blieb ihnen
im ganzen versagt.

Fast völlig aber verlor der Rationalismus seine Kraft
gegenuͤber der Musik, die sich denn eben deshalb selbst in
intellektualistischer Zeit ihre Reinheit wahrte, ja sie gerade da⸗
mals in isolierter Reaktion gegen alles Rationale doppelt ge⸗
waltig entfaltet hat.

üm es also mit einem Worte zu sagen: je stärker eine
Kunst in diesem Zeitalter von der Macht ungebrochener Stimmung
durchflutet wurde, um so selbständiger stand sie da, um so
energischer wirkte sie auf die Zeitgenossen.

Diese Stimmung aber behielt vom 16. bis zum 18. Jahr⸗
hundert nicht denselben allgemeinen Charakter. In der ersten
Hälfte dieses Zeitraumes war das Wesen der deutschen Kultur
noch im Grunde bürgerlich; demgemäß sah man auf intime
Wirkungen, und die Stimmung war die des Gemütvollen,
Behaglichen. Seit dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts
dagegen wurde die Kultur immer mehr von den fürstlichen
Hoöfen abhängig, denen in den katholischen Ländern die frisch
erwachte Kraft der alten Kirche zur Seite trat; und nun liebte

man das Großartige, Repräsentative, den Pomp.