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Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
In diesem Sinne haben denn die Stimmungsmomente
auch auf dem Gebiete künstlerischen Wirkens geschwankt.

In der Dichtkunst zunächst findet sich die Stimmung des
16. Jahrhunderts heiter, gemütsreich und gelegentlich bis zum
Grotesken ansteigend wieder; seit der Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts wird sie, nun immer stärker intellektualistisch durch—
tränkt und daher dem Repräsentativen zuneigend, im schlimmen
Sinne des Wortes barock; der Schwulst tritt auf, eine seltsame
Mischung kalter Verständigkeit und betonten Anspruches auf
das Großartige; bis schließlich ein platter Rationalismus als
Grundströmung des Zeitalters obsiegt.

In den bildenden Künsten vollzieht sich die Entwicklung
am klarsten auf dem Gebiete der Malerei. Hier führte die
Entfaltung des künstlerischen Auges im Verlaufe des 16. und
17. Jahrhunderts aus der bloßen Fähigkeit der Wiedergabe
des Umrifses und der Farbe hinüber zur Fähigkeit der Wieder⸗
gabe des Lichtes; es wird davon später noch die Rede sein.
Indem nun aber unter der Einwirkung des Lichtes die Konturen
verschwammen und die Massen breit und imponierend auf—
traten; indem sich alles nach Licht und Dunkel ordnete; indem
sich in der Komposition Summen gewaltigen Lichtes und
dämmernder Dunkelheit gleichsam kämpfend entgegentraten,
wurde der Phantasie eine Anregung gegeben, die über den um—
schränkten Raum hinwegstrebte ins Unendliche, Unergründliche;
das Ewige gleichsam schien jetzt in den engen Rahmen des
Gemäldes bannbar. Es war eine Umgestaltung der Malerei,
die, bis zu einem gewissen Grade, an sich, aus der weiteren
Entwicklung des künstlerischen Auges her, eintreten mußte.
Was aber wurde nun aus ihr, indem sie gleichzeitig mit der
hollen Entfaltung jenes schon geschilderten Zuges repräsentativer
Stimmung eintrat! Es kam jetzt zu den vollendetsten Schöpfungen
cines Rubens und Rembrandt wie der vlamischen und nord⸗
niederländischen Schulen überhaupt; eine volle Poesie, fern
allem Rationalen, durchflutet diese Gemälde. Aber der gleiche
Entwicklungsdrang beherrschte auch Architektur und Plastik.
Und da entstanden denn jene gewaltigen Bauten des Barocks,