Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 113
deren Reiz auf dem majestätischen Wechsel von Dunkel in
kleineren und Licht in großen Räumen beruht, die in der Art
der Anordnung der Bauglieder das Bestreben zeigen, über
den horizontalen Abschluß der Dächer hinauszuwachsen ins Un—
endliche. Und so trat auch eine Plastik ins Leben, die dem
Körper in weichen und doch s chwellenden Formen, in rauschender
Gewandung den Zug zum Effektvollen, gewaltsam Ungestümen
verlieh.

Welche Kunst aber vermochte diesem Drängen und Sehnen
hinaus über die rationale Seite des Lebens entschiedeneren Aus⸗
druck zu geben als die Musik! Gewiß war sie in den Zeiten des
16, Jaͤhrhunderts noch ungemein gebunden; noch galt erst von
ihrer Wirkung in überaus starker Bes chränkung Richard Wagners
Wort: „Ertrinken — versinken — unbewußt — höchste Lust,“
noch waren der alte geschlossen⸗ Thythmische Satz und der streng
polyphonische Aufbau kaum zugunsten des Ausdrucks form—
loser Stimmungen zurückgedrängt. Aber auch in dieser Aus—
bildung wirkte die Musik doch vor allem auf die Stimmung;
denn ein Einfluß in dieser Richtung liegt in ihrem Wesen.
Schon die Verbindung von Wort und Ton ist eindringlicher
als das bloße Wort; tritt der Ton gar allein auf, so schneidet
er den Hörer sozusagen von der intellektuellen Welt ab und
verweist ihn auf seelische Regungen, in denen die Kräfte der
Phantasie fast hemmungslos dahinspielen.

Nun hat die erste Periode des individualistischen Zeitalters
(etwa 1500 bis 1650) anfangs noch fast nur die menschliche
Stimme, und zwar zunächst nur in Kollektivwirkungen, als
musikalifches Organ gekannt; die musikalischen Instrumente
waren daneben von nur geringer Bedeutung. Aber der Aus⸗
gang des 16. Jahrhunderts und namentlich das 17. Jahr⸗
hundert brachten dann große Wandlungen. Jetzt trat die
menschliche Einzelstimme zunächst in Rezitativ und Arioso klar
und bewußt die Herrschaft an, und neben sie begann sich das
Orchester zu stellen, wenngleich vornehmlich noch zur Begleitung,
zum Vor⸗ und Nachspiel. Es war der Anfang zu einer ganz
anderen Stellung der Musik in der Reihe der Künste. Bisher

Lamprecht. Deutsche Geschichte. VI. 8