1445 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
mehr geduldet, Teil vor allem des christlichen Kultes, trat sie
jetzt jenen Eroberungszug in die höchsten Bereiche menschlicher
Stimmung an, der noch heute fortdauert, und erfüllte zunächst
die Kirchen und Schlösser des Barocks mit ihren majestätischen
Wirkungen.

Nach allem bisher Angeführten ist klar, daß die frühere
Kunst des voll entwickelten individualistischen Zeitalters, soweit
sie nicht verstandesmäßig schon geradezu beeinträchtigt wurde,
eben wegen des verstandesmäßigen Druckes vor allem eine Kunst
der Stimmung, der Gemütsbewegung und innerhalb dieses
Stimmungskreises wiederum aus besonderen Gründen eine
Kunst des Erhabenen, in die Unendlichkeit Hinausstrebenden
sein mußte. Es war ein steiler Weg, der ihr damit ge—
wiesen war; und wo die Kraft ihrer Schwingen nicht aus⸗
reichte, da führte der Pfad, zumal unter der Einwirkung der
doch immer mehr dominierenden intellektuellen Kräfte, rasch
ins Seelenlose, Schwülstige, Lächerliche. Und es war ein Weg,
der, so herrliche Gefilde er erschlossen hat, doch von dem reinen
Gebiete der Schönheit zu leicht abführte in das des Pathos, um
lange Zeit hindurch mit Erfolg betreten zu werden. Der über⸗
mäßigen Erregung folgte die Schwäche; und nun bemächtigte
sich, durchaus deutlich spätestens seit der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts, eine bis zum vollen Rationalismus aus⸗
gebildete Verstandesmäßigkeit auch der Stimmungsgebiete der
Kunst, um sie dem Gesetze der Lehr⸗ und Lernbarkeit zu unter⸗
werfen; und fast nur die Musik, die freieste Tochter des
ünstlerischen Pathos, entging dieser erdrückenden Herrschaft.