118 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Philosophie zu so bedenklicher Höhe, daß das Laterankonzil im
Jahre 1512 gegen ihn — und bezeichnenderweise nur versteckt —
einschritt; und bald folgte ihm das Studium der Neuplatoniker;
schon Marsilius Ficinus (1488 bis 1492) hat nicht nur Plato,
sondern auch Plotin übersetzt. Und von Ztalien verbreiteten
sich Platonismus und Neuplatonismus auch nach Deutschland;
überall in dem fortschreitenden Denken des 16. Jahrhunderts
lassen sich ihre Spuren erkennen. Gleichwohl haben sie dieses
Denken in Deutschland nicht beherrscht: sie waren nur ein
überreifer und raffinierter Beitrag des Altertums zu diesem,
das die Probleme zunächst viel sinnlicher und einfacher auf⸗
griff und daher nicht so sehr einer pandynamistischen Metaphysik
wie einer pandynamistischen Naturwissenschaft zusteuerte.

2. Freilich geschah das in enthusiastischen Formen. Wie
einst die Ritterschaft der Stauferzeit in poetischer Begeisterung
der neuen, gehobenen Bildung ihres Standes froh geworden
war und Vergangenheit wie Gegenwart sich nur in den Formen
der Dichtung hatte nahebringen wollen, von der Epik van
Veldekes und den Sagen des Artuskreises an bis zum versi—
fizierten Steinbuch und zur gereimten Tischzucht, so waren
auch die Geisteshelden des neuen Denkens noch weit davon
entfernt, die Lösung der ersten großen Geheimnisse der natür—
lichen Erscheinungswelt mit Hebel und Schrauben erzwingen
zu wollen. Schauen vielmehr wollten sie, um mit dem
Goetheschen Faust, diesem herrlichsten persönlichen Inbegriff
ihrer Geistesverfassung, zu reden

Wie alles sich zum Ganzen webt,

Eins in dem andern wirkt und lebt!

Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen,

Mit fegenduftenden Schwingen

Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
So allen Hoffnungen einer verstandesmäßigen Verzückung
lebend glaubten sie an Universalmittel der Erkenntnis, die den