120 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
War es nun möglich, von solchen Prinzipien her die ein—
zelnen Disziplinen der Naturwissenschaften verständig zu ent—
wickeln? Je einfachere Grundlagen gesucht wurden, um so mehr
trat ihre Unwirklichkeit ans Tageslicht. Nur in einer Disziplin
daher, die die Ergebnisse der Naturwissenschaften jeweilig ins
Ganze zusammenfassend nutzt, in der Medizin wurde diese
pandynamistische Naturwissenschaft angewandt und praktisch.
Hier wurden vor allem die verworrenen, abenteuerlichen, mit
einer Unsumme von Quacksalbereien durchsetzten und dennoch
eines großen Zuges nicht entbehrenden Gedankenreihen des
Theophrastus Bombastus Paracelsus von Einfluß, eines un⸗
steten Gesellen, der, 1493 zu Einsiedeln geboren, ein medi—
zinischer Wandersmann und Allerweltsmensch, zeitweis Professor
der Chemie in Basel, 1541 zu Salzburg gestorben ist. Theo⸗—
phrastus erschien das ganze Weltall von einer göttlichen Welt—
seele durchweht, dem Vulcanus; und die phantastisch gedachten
Kräfte dieses Vulcanus durchdrangen nach ihm das Universum
wie das Einzelne. Der Mensch aber war ihm der mikro—
kosmische Auszug und Inbegriff dieses Universums; in ihm
spiegelten sich und wirkten daher alle Kräfte des Ganzen; nur
trat zu ihnen, wie für jedes Einzelwesen, noch ein besonderes
Prinzip der Individuation, ein spezieller und persönlicher Geist,
der Lebensgeist, der Archeus. So war ihm die Welt, die
Heimstätte des Universalgeistes, voll von einzelnen Lebensgeistern,
die einander fördern, anfechten, zu vernichten drohten; und die
Krankheiten waren Kämpfe solcher fremden Geister gegen den
spezifischen Geist des einzelnen, persönlichen Lebens.

Was für eine kraus und abenteuerlich hypostasierende
Gedankenwelt! Und doch wiederum wie voll großer meta—
physischer und erkenntnistheoretischer Ahnungen, wie angefüllt
von aufdämmernden Problemen -der Philosophie Leibnizens
und der Nachfolger Kants! So begreift es sich, daß die Lehre
des Paracelsus noch auf Generationen nachwirkte, ohne eigentlich
fortgebildet zu werden. Eine gewaltige Reihe von parazelsischen
Ärzten und Denkern auf naturwissenschaftlichem Gebiete füllt
mit Bergen monotoner Schriften, immer tiefer in Geheimnis—