122 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
christlichen Lehre fern, was sie denn, bei allem Festhalten an
einzelnen christlichen Gedanken und an einigen Hauptstützpunkten
der christlichen Dogmatik, schließlich doch zur Loslösung von der
Offenbarungstradition und zum Aufsuchen eines völlig eigenen
Standpunktes hindrängt.

Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, daß die Reihe der
hier zu nennenden Philosophen in der ersten Hälfte des 15. Jahr⸗
hunderts mit Nikolaus von Kues, dem Kardinal der heiligen
römischen Kirche, beginnt und mit dem gottseligen protestantischen
Schuster Jakob Boehme zu Görlitz im Anfang des 17. Jahr—
hunderts abschließt.

In Kues ist, bei allen Versuchen, im Reiche der Erfahrung auch
empirisch zu forschen, ein faustischer Zug; mehr als andere leitet er
jene Periode des Denkens mit ein, da in ungestümem Angriff und
mit einem Zuge erkannt werden soll, was die Welt im innersten
zusammenhält. In diesem Sinne sucht Kues, als Sohn der
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch an den Gegensatz des
Nominalismus und Realismus anknüpfend, zunächst eine höhere
Versöhnung dieser Gegensätze. Gewiß, meint er, habe die
empirische Forschung vor allem das Wesen der einzelnen Dinge
festzustellen und damit die Erfahrung in unendlichem Fortgange
zu bereichern. Aber daneben stehe doch zu gleichem Rechte
die Aufgabe, das Ganze zu erkennen und die Gegensätze der
Welt dem harmonischen Gedanken eines unendlichen Universums
unterzuordnen; mit etwas klareren Begriffen, als sie Kues hatte,
ausgedrückt: die Induktion müsse durch die Deduktion ergänzt
werden. Dies könne nun freilich nur in dem Gewinn einer
höheren erkenntnistheoretischen Einheit erreicht werden. Wie
aber diese finden? Hier ist der Punkt, wo die Lehren des
Cusaners ins Mystische umschlagen. Nur in unmittelbarer
Anschauung, nur in einer durch höhere Vernunft bewirkten
Intuition, in einer comprehensio incomprehensibilis könne
das geschehen. Diese aber sei gewährleistet nur auf dem
Boden der Kirche. Und so ist schließlich eine freiere mystische
Theologie herbeizuführen berufen, was der Verstand der Ver⸗
ständigen nicht zu leisten vermag.