Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 128
Bewegt sich Kues wie eine kleine Zahl unbedeutenderer
Nachfolger während des 15. Jahrhunderts scheinbar noch ganz
auf dem Boden der Kirche, und bildet er persönlich in der vollen
Überzeugung korrekter Kirchlichkeit nur die mystische Erkenntnis—
theorie, nicht aber das mystische System genauer aus, so werden
die Naturphilosophen des 16. Jahrhunderts, des Jahrhunderts
der reformatorischen Lösung der Geister, kühner. Und es
ist kein Wunder, daß wir sie vornehmlich im Lager des
Protestantismus und noch mehr in dem des Wiedertäufertums
und seiner Abzweigungen treffen.

Hier entfalten sie nun zunächst die Voraussetzungen einer
spekulativen panentheistischen Theologie. Sie betrachten die
geschichtlichen Heilstatsachen des Christentums wie die aus ihnen
entwickelte dogmatische Begriffswelt nicht mehr als nur einmal
geschehen und als auf singuläre historische Tatsachen aufgebaut,
sondern sie nehmen an, daß in ihnen nur der geschichtlich—
symbolische Ausdruck eines allgemeinen, sich stets in jedem Menschen
in seinem Verhältnis zu Gott wiederholenden Zusammenhangs
vorliege, der zeitlos und dauernd in der Natur der Menschen,
der Dinge und Gottes begründet sei. Dabei ist Christus als
der die Welt durchwaltende Logos die Grundvorstellung; und
die Methode der Denkens ist die hergebrachte der Mystik.

In der Richtung dieser Vorstellungen hat schon Kaspar
Schwenckfeld (1490—1561) gedacht, anfangs ein begeisterter
Anhänger Luthers, später von der protestantischen Kirche ver—
folgt; mit besonderer Deutlichkeit aber traten sie zum ersten
Male in Sebastian Franck, dem geistreichen Historiker und
Publizisten (15001545), hervor. Dem Denken Francks ist
Gott eine „frei ausgegossene Güte, wirkende Kraft, die in allen
Kreaturen weset“, und seine Offenbarung geschieht täglich und
stündlich in uns. In uns lebt Christus und Adam, gutes und
böses Prinzip; in uns wiederholt sich der Sündenfall; in uns
wird die Selbsterlösung des Menschen durch den ihm ein⸗
wohnenden Christus und die Gnadenwirkung Gottes zu einer
ewig erneuten, gesetzmäßigen, typischen Erscheinung. So ist denn
Franck die christliche Offenbarung als geschichtliche Tatsache nur