124 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Unterlage einer philosophischen Symbolik; die Heilige Schrift
ist ihm eine ewige Allegorie, und ihre Deutung in diesem Sinne
wird von ihm nach mystischer Methode vom Standpunkte des
panentheistischen Glaubens an die Existenz allwirkender seelischer
Kräfte durchgeführt.

Franck ist, wie fast alle seinesgleichen, einsam und ver—
lassen dahingegangen, in tiefem, entsagungsvollem Ringen, in
äußerer Unrast und Flüchtigkeit und in verzehrender Sehnsucht
nach einem künftigen Zusammensein mit allen gottfrommen,
gutherzigen Menschen: „In und bei dieser Kirche bin, zu der
sehne ich mich mit meinem Geist, wo sie zerstreut unter den
Heiden und Unkraut umfähret.“

Die panentheistische Theologie Francks und verwandter
Geister vertrug nur eine Fortbildung: sie mußte durch volle Ein—
führung des pandynamistischen Naturerkennens eines Paracelsus
und seiner Nachfolger zu einer allgemeinen, sei es pantheistischen,
sei es panentheistischen Weltanschauung erweitert werden.

In dieser Richtung brachte die Lehre Valentin Weigels, eines
Sachsen, der 1533 zu Großenhain geboren und 1588 als Pfarrer
zu Zschopau gestorben ist, den ersten wesentlichen Fortschritt.
Vor allem wird bei ihm deutlicher als bisher das mystische
Erkenntnisprinzip der Verzückung durch das klarere des subjek⸗
tiven Erkennens ersetzt: unzweideutig spricht er es aus, daß
man wissen und verstehen könne nur das, was man in sich trage,
daß mithin die Welt uns Gegenstand der Erkenntnis nur sein
könne, weil und insofern wir Mikrokosmen sind. In der An—
wendung dieses erkenntnistheoretischen Prinzips aber wandelt
Weigel gänzlich die Bahnen des pandynamistischen Natur—
erkennens: wir erkennen die irdische Welt, weil unser Leib
die Quintessenz aller weltlichen Substanzen ist; wir erkennen
die Welt der Geister und Engel, weil unser Geist siderischen
Ursprungs und ein Engel ist; wir erkennen Gott, weil unsere
Seele vom göttlichen Wesen ausgeht und, an Gott teilnehmend,
göttliche Nahrung erhält im Sakramente. Ist in dieser Lehre
die Ahnung einer künftigen subjektivistischen Erkenntnistheorie,
wie sie voll erst Kant entwickelt hat, durch die Auffassung der