126 —— Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
in den Schriften Boehmes mit den Äußerungen eines gott⸗
begeisterten Sehertums lange Ausführungen, in denen die Rede
matt dahinschleicht und prosaisch, so tritt doch auch aus ihnen
der Denker als Person hervor, und werden dem Wortschatze
neue Münzen zugeführt.

Was Boehme sachlich zunächst bewegt, das ist das für das
ganze 16. Jahrhundert so überaus charakteristische Bedürfnis nach
Erlösung. Von diesem persönlichen Bedürfnis indessen springt
er alsbald über auf den großen Gegensatz von Böse und Gut,
und indem er diesen Gegensatz seiner Entstehung nach bis zum
Ursprung zurück verfolgt, wird er der folgenschweren Frage
zugeführt, wie das Zusammensein von Böse und Gut in Gott
als dem Schöpfer aller Dinge zu denken sei. Indem er dann
aber weiter dieses Problem kaum anders als in der Form
evolutionistischer Anschauung lösbar erkennt, wird er aus den
ethischen Betrachtungen hinübergetragen in kosmogonische, und
alsbald verknüpfen sich die Bedürfnisse seines empfindsamen
und gemarterten Herzens mit den theosophischen Spekulationen
der Naturalisten.

In Gott waren wie Licht und Finsternis, die als Gegen⸗
sätze aufeinander angewiesen sind, und deren eines nicht gedacht
werden kann ohne die Vorstellung des anderen, so auch Gut
und Böse uranfänglich vorhanden; ja Gott ist uranfänglich recht
eigentlich die Ausgleichung der Gegensätze, die coincidentis
oppositorum. Aber aus ihm, dem Alles und Nichts, dem
weder Licht noch Finsternis, dem weder Böse noch Gut, haben
sich diese Gegensätze entwickelt. In welcher Form, darüber er⸗
dichtet Boehme eine ganze spekulative Mythologie, in der sich
hristliche Anschauungen mit anderen Elementen wundersam ver⸗
schlingen. Das Ergebnis ist schließlich eine Welt, die als
Grenzsaum gleichsam eines Reiches der Liebe, des Himmelreiches,
und eines Reiches des Zornes, der Hölle, gedacht wird, und in
der wir leben, in gleicher Weise teilnehmend an Liebe und
Zorn, an Gut und Böse.

Aber diese Lage trägt in sich keine Verheißung der Dauer.
Ja wir selbst haben das Bedürfnis und die Macht, sie zu