Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 129
an Wirksamkeit übertroffen durch des Koppernikus helio—
zentrische Lehre.

Wer hätte das ptolemäische Weltsystem in seiner sinn—
lichen Anschaulichkeit bezweifeln mögen, wie es von der un—
mittelbaren Realität der wahrgenommenen kosmischen Be—
wegungen ausging, zumal alle dagegen möglichen Einwände
durch eine große Anzahl höchst sinnreicher Hilfshypothesen
beseitigt schienen? Und nun erschien das Buch De re—
volutionibas orbium coelestium, das zwar nicht auf Grund
exakter Beobachtungen, wohl aber von der einfachen Forderung
her, daß die erhabensten Schöpfungen Gottes nur von
einfachster Symmetrie beherrscht sein könnten, dies ganze
System über den Haufen warf. Nicht die Erde erschien jetzt
mehr als der Mittelpunkt des Weltalls, sondern die Sonne;
ein dienendes, in Gemeinschaft mit anderen Körpern in Doppel⸗
bewegung um die Sonne kreisendes Glied des Ganzen nur war
unser Planet: aufgegeben werden mußte das bisher kaum je
bezweifelte Vorrecht einer Betrachtung der fernen Weltweiten
von geozentrischem Standpunkt. Wie klein war jetzt diese Erde
geworden und wie klein gar der Mensch, daß man seiner gedächte!
Es war eine wissenschaftliche Erweiterung und zugleich sittliche
Begrenzung des menschlichen Standpunktes von solcher Trag-—
weite, daß es verständlich ist, wenn sich die Welt nur langsam
an sie gewöhnte. Auf die heliozentrische Hypothese des
Koppernikus haben die Forschungen Keplers über die Ent—
behrlichkeit der exzentrischen Kreise und Epizyklen zugunsten
der Annahme einer einfachen Kurve als Bahn der planetarischen
Bewegung folgen müssen und auf diese Galileis Forschungen
über die Schwerkraft, ehe Newton zu jener Hypothese über die
Bewegungen der Himmelskörper gelangte, die, vornehmlich durch
die unvergleichliche popularisierende Wirksamkeit Voltaires, der
neuen Lehre zur Stellung eines unveräußerlichen Bestandteils
der europäischen Bildung verholfen hat.

Indem sich aber diese gewaltigen Ausdehnungen des mensch⸗
lichen Horizonts vollzogen, wirkten sie schließlich doch weniger

Lamprecht, Deutsche Geichichte. VI. 9