Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 138
in das Reich der Dinglichkeit und Anschaulichkeit gebannt;
aus seiner weiteren Durchdringung Prinzipien einer rein be—
grifflichen Lehre von Raum und Zeit abzuleiten, lag nicht in
der Richtung ihres Denkens. Dafür war dann aber das
Mittelalter in der Entsinnlichung der Vorstellungen von Raum
und Zeit ziemlich weit über sie hinausgegangen.

Das mittelalterliche Denken, soweit es sich auf höhere
Probleme einließ, war eine Folgeerscheinung dessen, was man
zu dieser Zeit wissenschaftliche Theologie nannte: nicht eigentlich
aus der nationalen Geistesbewegung, sondern aus der christ⸗
lichen Überlieferung der späten Griechen- und Römerzeit, unter
Einschluß gewisser Einwirkungen der heidnischen Philosophie
der Alten, erhielt es seine Impulse. Es war also eine Er—
scheinung nicht selbstgewachsener Kultur, sondern zeitlicher
Rezeption aus weltgeschichtlicher Vergangenheit. Dem ent—
sprechend war es im höchsten Grade abgezogen, ohne stärkere
Berührung mit den lebendigen Strömungen der Gegenwart;
und dem entsprechend bildete es mit Vorliebe virtuose Methoden
und gänzlich abstrakte, unsinnliche, gleichsam dünnschliffige Be—
griffe aus. Und indem es wirklichkeitsfremd nur in diesen Be—
griffen lebte, schrieb es der syllogistischen Methode allmählich
Schöpferkraft und den Begriffen an sich Notwendigkeit des
Seins zu. Die ontologische Anschauung, die Auffassung, daß
gedachte Begriffe allein wegen der Tatsache, daß sie gedacht
werden, auch wirklich seien, ist wohl das originellste Erzeugnis,
das von dem scholastischen Denken in der Geschichte der Philo—
sophie hervorgebracht worden ist.

Eine geistige Disposition, wie die der Scholastik, mußte
nun schon dazu führen, den Vorstellungen von Raum und Zeit
denjenigen begrifflichen Charakter zu verleihen, dessen das 16.
bis 18. Jahrhundert für die Anwendung der Mathematik als
Denkmethode der Philosophie und, wie es anfangs schien, auch
der Naturwissenschaften bedurften. In der Tat findet sich
bei den mittelalterlichen Vorläufern der realistischen Natur—
wissenschaft des 17. Jahrhunderts schon die Verwendung der
Mathematik, wenn auch noch nicht in der vollendeten Art eines