134 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Galilei oder Newton. Keiner dieser Vorläufer ist aber in
dieser Hinsicht wohl charakteristischer als Roger Baco; und
keiner ist in dieser Stellung wohl zutreffender geschildert worden
als eben wiederum Baco von Goethe!. Bei Baco erscheint die
Mathematik in ihrer reinen Form schon ausdrücklich als Haupt⸗
schlüssel aller wissenschaftlichen Verborgenheit, ja auch aller
metaphysischen Fragen: „Es gibt mancherlei, das wir geradehin
und leicht erkennen, anderes aber, das für uns verborgen ist,
welches jedoch von der Natur wohl gekannt wird. Des gleichen
sind alle höheren Wesen, Gott und die Engel, als welche zu
erkennen die gemeinen Sinne nicht hinreichen. Aber es findet
sich, daß wir auch einen Sinn haben, durch den wir das gleich⸗
falls erkennen, was der Natur bekannt ist, und dieser ist der
mathematische: denn durch diesen erkennen wir auch die höheren
Wesen, als den Himmel und die Sterne.“ Von dieser Auf⸗
fassung ausgehend wendet Baco die Mathematik als eine der Logik
bei weitem überlegene Methode an, um nicht bloß die Natur⸗
erscheinungen im engeren Sinn, nein, auch die psychologischen
Erscheinungen deduktiv zu begreifen; so wird ihm z. B. die
Grammatik zur Rhythmik, die Logik zur Musik. Ja damit
nicht genug, auch dem moralischen und religiösen Gebiete
nähert er sich auf mathematische Weise, indem er die Be—
ziehungen dieser Gebiete mathematischen Beziehungen symbolisch
gleichsetzt.

Man sieht freilich sogleich: Das sind, in unserer Sprache
zu reden, feinsinnige Betrachtungen, keine Schlüsse; die Wirkung
auf uns ist erbaulich, nicht überzeugend. Aber was Baco und
seine Nachfolger im Mittelalter ahnend versucht hatten: das
Begreifen der Welt vermöge — und freilich zum größten Teile
noch nach Analogie — der Methode reiner Mathematik, das
unternahm das Zeitalter realistischer Naturwissenschaft, wie es
dem Panpsychismus folgte, in seinem allgemeinen Denken nun
wirklich ernsthaft durchzuführen und zu vollenden.

mZur Farbenlehre (Werke Weim. Ausgabe 11 3, S. 151).