142 J Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
überlegen! Und ihr Ruf als eine solche Meisterin, auf ihre
alten deduktiven Elemente begründet, erstreckte sich noch weit
his in das 18. Jahrhundert! Die Folge war, daß die Philo⸗
sophie dieses Zeitalters sie als Arbeitswerkzeug nicht aufgab,
aber freilich je länger je mehr mit einem Instrument arbeitete,
das bei sirenger Anwendung zerbrach, — oder anders aus—
gedrückt: daß sie die mathematische Beweismethode in einem
Sinne anwandte, der dem Charakter dieser Methode und der
ihr zugrunde liegenden Wissenschaft je länger je weniger ent—
sprach. Schon Roger Baco hatte sich dieser Methode in einer für
unser Denken sonderbaren, bei ihm sehr begreiflichen und sehr
klar zutage tretenden Weise bedient: nämlich nach der Art
des mittelalterlichen Analogieschlusses. Er hatte, darin dem
Pythagoras und seinen Schülern ähnlich, gewisse mathematische
Verhältnisse in gewissen metaphysischen, pfychischen, ja auch
ohysischen Verhältnissen wie in einem symbolischen Spiegelbild
wiedergefunden; und das hatte ihm genügt, um diese beider⸗
seitigen Verhältnisse so weit zu identifizieren, daß für ihn aus
dieser Identifikation heraus die Wirklichkeit der metaphysischen,
psychischen, physischen Verhältnisse folgte, weil die Wirklichkeit
der analogen mathematischen Verhältnisse bewiesen schien.

Das war freilich ein Verfahren, das die Philosophie des
Descartes, wie sie zunächst den pandynamistischen Systemen des
16. Jahrhunderts folgte, in gleich sonderbarer Naivität des
Analogieschlusses nicht mehr einschlug. Aber gleichwohl gilt
für ihr Verhältnis zur Mathematik immerhin etwas Ähnliches.
Es ist fast selbstverständlich, daß derselbe große Geist, der der
Mathematik den Weg zur induktiven Analysis wies, sie nicht
gleichzeitig als tiefer konstituierende methodologische Triebkraft
einer deduktiven Philosophie gebrauchen konnte. Galt aber dem
Descartes wie seinem ganzen Zeitalter die Mathematik gleich—
wohl als Hebamme jeder Metaphysik, so konnte ihre Hilfe im
Grunde doch nur noch äußerlich und formell beansprucht werden:
nämlich so, daß ihrer Methode die äußere Art der Beweis—
führung und ihren Ergebnissen gewisse Analogien der philo—
sophischen Gedankenbildung entnommen wurden. Und über