Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 147
mechanischen Entdeckungen und Schlußfolgerungen Galileis und
die Metaphysik des Descartes.

Da entsteht denn die Frage, was unter diesen Umständen,
in so entscheidenden Jahren, die Geisteswissenschaften erreicht
hatten und der ferneren Entwicklung als Grundlage darboten.

Weit mehr als die Naturwissenschaften waren im 16. Jahr⸗
hundert die Geisteswissenschaften noch von der Tradition der
Alten abhängig und blieben es vielfach bis ins 18., ja 19.
Jahrhundert. Konnte Descartes schon triumphierend auf ein
Skelett hinweisen: „Das sind meine Bücher,“ so währte auf
dem Gebiete der Geschichte im weitesten Sinne des Wortes,
und damit im Kerngebiete der theoretischen Geisteswissenschaften,
um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Autorität der Antike
fast noch ungeschwächt weiter. Der Grund für diesen Unter—
schied lag nicht bloß darin, daß die Alten die Naturwissenschaft
weit weniger entwickelt hatten als die Geisteswissenschaften.
Er ist im ganzen Charakter der Geisteswissenschaften gegeben.
Die Naturwissenschaften wenigstens des 16.—-18. Jahrhunderts
beruhten zum wesentlichsten Teile auf den Fortschritten der
Mathematik und Mechanik, und sie sind auch heute noch in den
wichtigsten Punkten von den Fortschritten dieser und ihrer un—
mittelbaren Folgedisziplinen, der Physik und Chemie, abhängig.
Nun entwickeln sich aber der Regel nach Mathematik und
Mechanik, ist erst einmal ein bestimmter Anfangspunkt von
Bedeutung gegeben, lange Zeit hindurch von diesem Punkte
aus rein logisch weiter, ohne unmittelbarste und ständige Be—
rührung mit den speziellen Wandlungen des Seelenlebens der
Zeiten, bis wiederum einmal ein großer neuer Ausgangspunkt
auftaucht, von dem her derselbe Prozeß beginnt. Solche Aus—
gangspunkte waren im 16. bis 18. Jahrhundert die Erkenntnis
der Unstetigkeit der mathematischen Größe und der Übergang
zur mechanischen Dynamik. Gewiß sind nun diese Punkte von
der jeweiligen Höhe des intellektuellen Lebens abhängig: die
mathematischen und mechanischen Grundanschauungen des neuen
Zeitalters wären im Mittelalter nicht zu entwickeln gewesen.
Aber diese Abhängigkeit gilt, wie gesagt, doch nur für die

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