148 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Haupt⸗ und Anfangspunkte. Ganz anders die Lage der Geistes⸗—
wissenschaften. Da sie auf der psychologischen Erkenntnis be—
ruhen, die ihrerseits nur aus dem jeweils bestehenden geschicht⸗
lichen Seelenleben gewonnen werden kann, so ist ihr jeweiliger
Stand ein fast gänzlich unmittelbarer Ausdruck dieses Seelen—
lebens selbst: viel enger sind sie an den Verlauf nicht bloß größter
Wendungen, sondern auch geringfügigerer Wandlungen des
fortschreitenden geistigen Lebens gebunden.

Nun war aber der Humanismus einer der wichtigsten
Faktoren des deutschen Geisteslebens im 16. Jahrhundert. Er
konnte mithin für die Entfaltung der Geisteswissenschaften nicht
ohne Bedeutung bleiben.

Daneben kamen für dessen Entwicklung freilich noch andere
Mächte in Betracht. Vor allem die vorwärtsdrängende Emanzi⸗—
pationslust des Verstandes, des lumen naturals, wie das
16. Jahrhundert ihn nannte, derjenigen seelischen Kraft also,
die man schon früh in dieser Zeit als die höchste und bald als
die fast einzige zu schätzen begann, und in deren freier Be—
wegung die individualistische Persönlichkeit der Zeit ganz be—
sonders verkörpert und gleichsam atmend erschien. Daneben
war, als konservative, zurückhaltende Macht, auch der kirchliche
Glaube in seiner mittelalterlich-katholischen wie seiner gereinigt⸗
protestantischen Gestalt von Bedeutung: in jedem Falle ein
Dffenbarungsglaube, der noch das Wunder anerkannte und dem
hloßen Kausalitätsschluß abhold entgegentrat.

Von diesen drei großen Fermenten der geisteswissenschaft⸗
lichen Entwicklung war das eine, tiefste, das lumen naturale,
in seiner Bewegung ganz in dem neu anbrechenden Zeitalter
der freien individualistischen Persönlichkeit begründet; es be—
durfte keiner Stütze von außen mehr, und in Rationalismus
und Aufklärung hat es schließlich gesiegt. Die anderen beiden
Kräfte dagegen, Antike und christliche Offenbarung, Elemente
der Tradition, bedurften, um zu wirken, eines äußeren Haltes.
Dieser war für den Offenbarungsglauben ohne weiteres in den
Kirchen gegeben. Aber wie stand es mit dem Humanismus?
Der alte enthusiastische Humanismus, jene Aneignung der Über⸗