Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 149
lieferung der Alten, die bis zur geistigen Auswanderung
gleichsam in die Welt der Römer und Griechen fortgeschritten
war, konnte seiner Natur nach nicht lange währen und hat die
Tage Huttens und Erasmus' kaum überlebt. Und gleichzeitig
waren die wenigen Institutionen, welche der Humanismus zur
Pflege seiner Dauer geschaffen oder umgeschaffen hatte, Akade—
mien und Universitäten, böslich verfallen; die zwanziger Jahre des
16. Jahrhunderts hatten einen unerhörten Tiefstand der Zuhörer⸗
zahl vor allem der humanistischen Universitäten gesehen; Re⸗
formation und Reaktion gegen humanistische Studienüberstürzung,
Aufhebung von so vielen dem Brotstudium zugänglichen Kirchen⸗
stellen und materieller, dem Verkehrsleben zugewandter Sinn
der Zeit hatten hier in gleicher Weise gewirkt; fast konnte es
scheinen, als sollte das Zeitalter der Aufnahme antiker Tradi⸗
tion wiederum rasch dahinschwinden.

Allein dem widersprach doch der innere Gehalt der antiken
Bildung. Wie unendlich viel war doch daraus für die Zeit
noch zu lernen! Und es widersprach weiter der Zusammenhang
des Humanismus mit der Renaissance der bildenden Künste,
die eben erst jetzt recht ihren Siegeszug durch die abendländische
Welt autrat. Vor allem aber: es widersprach auch die formale
Stärke der Alten auf den Gebieten der Kunst und Dichtung
wie der Wissenschaft. Was hatten die Neueren den Götter⸗
bildern der Griechen und den Prunkbauten der Römer, und
noch mehr: was hatten sie dem römischen Recht, dieser ratio
scripta, und den aristotelischen Syllogismen zur Seite zu stellen?

Und hier, auf wissenschaftlichem Gebiete, verband sich das
allgemeine Interesse an der Fortdauer der Rezeption mit dem
besonderen der Kirchen. Die Lehren der alten Kirche waren
ganz von der philosophischen Technik der Alten, dies Wort im
weitesten Sinne genommen, durchzogen; das Dogma der neuen
Kirchen beruhte durchweg auf einer an den Alten geübten und
vielfach erst von den Alten erlernten Interpretationskunst;
unter den Arbeiten zu seiner Formulierung war Melanchthon
zu dem Ausspruch gelangt: carere monumentis Aristotelis
non possumus. War das aber der Fall, hatten die Kirchen