Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 155
protestantischen Gymnasien die erziehlichen Fragen neben den
unterrichtlichen außerordentlich zurücktraten; in welcher Frei—
heit, ja fast Willkür sind nicht noch die sächsischen Fürsten⸗
schüler der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgewachsen!
In den Jesuitenkollegien dagegen spielte das Element der Er—
ziehung aufs entschiedenste mit: und es wurde ganz im Sinne
der jefuitischen Mission und der jesuitischen Auffassung katho—
lischer Frömmigkeit ausgenutzt: Ertötung des Willens in
striktem Gehorsam, Ertötung des persönlichen Verantwortlich-
keitsgefühls in nervenerregender und nervenabspannender Askese,
Auflösung der Persönlichkeit zugunsten der jesuitischen Norm
im ganzen.

Und hieraus ergaben sich dann, bei aller äußerlichen und
formalen Ähnlichkeit, die tiefsten Unterschiede in den schließ—
lichen Resultaten des protestantischen und des katholischen
Bildungsganges. Hier Abgewogenheit des Benehmens, Welt—
mannstum, aber Schablone — dort sehr viel Roheit, sehr
wenig Klugheit bisweilen, aber Schöpferkraft und Ursprünglich—
keit. Und darum hier eine tote Welt und dort üppiges Ge—
deihen jedes geistigen Keimes. Die Tatsache der geistigen Un—
fruchtbarkeit des katholischen, der geistig führenden Stellung
des protestantischen Deutschlands im 17. und 18. und zum
größten Teile auch noch im 19. Jahrhundert bei aller Gleich—
heit der formalen Bildung ist, abgesehen von der noch weiteren
Differenz der Weltanschauung überhaupt, vornehmlich auf diese
Verschiedenheit der erziehlichen Grundsätze in der Bildung der
höheren Gesellschaftsschichten zurückzuführen.

Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn sogar
in der Geschichte der klassischen Gelehrsamkeit, zu der wir
nun fortschreiten, von katholischen Elementen wenig die Rede
sein wird.

3. Wir kennen das Schicksal der schönen, begeisterten Zeit
des eigentlichen Humanismus!. Sie konnte ihrer ganzen Natur

1 Vgl. Bd. V, 1, S. 202.