156 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
nach nicht lange währen, und noch in ihre Blütezeit fiel der
Reif der reformatorischen Bewegung. So sehen wir den
frühen Humanismus verdorren; mancher seiner Anhänger fand
aus Verdrossenheit über den rücksichtslosen Fortgang des
Evangeliums den Weg zur alten Kirche zurück; das unmittel⸗
bare Interesse an den bewegenden Fragen der Gegenwart
schwand; die Äußerungen eines sinnvollen Nationalbewußtseins
verstummten, und die Generation nach Hutten hat kräftige
Persönlichkeiten unter den Humanisten kaum noch hervor⸗
gebracht: bis in der schönen Verteidigung Melanchthons gegen
die Flacianer, die 1869 von Wittenberg ausging, der Schwanen⸗
gesang der alten Richtung ertönte.

Nun hat diese Richtung allerdings in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts noch eine gewisse Nachblüte erlebt;
Nikodemus Frischlin (1547 —1590), Professor in Tübingen,
war ein nicht zu verachtendes poetisches Talent und hat Oden
und Elegien, Epen und Dramen in einem eleganten Latein ge—
dichtet; und sogar auf griechisch wußte man in anerkennenswerter
Weise Verse zu machen; Laurentius Rhodomanus (1546 - 1606),
zuletzt Professor in Wittenberg, zeichnete sich da besonders aus.
Aber an der Wende des 16. Jahrhunderts verklang auch dieser
letzte Nachhall; neben Rhodomanus starben Chytraeus 1600,
Melissus 1602, Crusius 1607, Caselius 1613, und nur noch
ganz vereinzelte Nachzügler, wie der dichterisch begabte Jesuit
Balde (1608 —1668), pflanzten die alten Erinnerungen fort.
Im übrigen aber ward der Humanismus nun ganz zur Philo—
logie und die Begeisterung zur Gelehrsamkeit.

Nun hatte der deutsche Humanismus im Gegensatze zum
italienischen schon immer, trotz alles Enthusiasmus, einen ge—
lehrteren Charakter gehabt; seinen Anhängern erschien sehr bald,
vor allem auch unter der Einwirkung der Reformation, schon
der Besitz einer nur klassisch-formalen Bildung als erstrebens⸗
wertes Ideal. Allein der Übergang der ganzen Richtung nur
zu diesem einen Ziel, wie er bereits seit den dreißiger Jahren
des 16. Jahrhunderts begann und dann in der zweiten Hälfte
dieses Jahrhunderts vollendet zutage trat, war trotzdem etwas