158 Siebzehutes Buch. Drittes Kapitel.
Entwicklung geworden. Ein doppelt erstaunlicher Prozeß, wenn
man bedenkt, daß diese Gegenden an der ersten Blüte des
Humanismus eigentlich nur mit einer Person, freilich der des
Erasmus — der aber doch meist im inneren Deutschland weilte —,
größeren Anteil gehabt hatten. In der Tat erlebten die nörd⸗
lichen Niederlande, soweit es sich um die Sympathie größerer
Kreise und später das allgemeine öffentliche Interesse handelte,
ihre enthusiastisch-humanistische Periode erst in der zweiten
Halfte des 16. Jahrhunderts und noch hinein bis ins 17. Jahr⸗
hundert. Erst jetzt fand man sich, durch das gewaltig an⸗
hebende und tragisch endende Kaisertum Karls V., eines Sohnes
der Niederlande, der uralten römischen Kaiserreihe recht gründlich
angeschlossen; der humanistische Nationalstolz erwachte, und 1557
publizierte Hubert Goltzius zu Antwerpen die Icones Impera-
torum Romanorum von Cäsar bis auf Carolus und Ferdi—
nandus. Zugleich warf man sich, in heller Begeisterung für die
Bataven und Claudius Civilis, auf die Suche nach Römer—
spuren im Lande; und was fand man da nicht alles: auf der
Insel Walcheren allein wurde Veere mit dem Kaiser Verus,
Middelburg mit dem Feldherrn Metellus, Vlissingen mit Alixes
zusammengebracht. Eine Generation später aber erscheint die
Pflege der Antike als eine Staatsangelegenheit fast im Simne
der Pflege des Glaubens; die Philologen Leidens empfangen
öffentliche Ehrenbezeigungen und, bei einem Handelsvolke nicht
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Gehälter; und der Staatenbibel wird die Staatengrammatik des
Gerhard Vossius zur Seite gestellt, aus der der Niederländer
bolle zwei Jahrhunderte hindurch sein Latein gelernt hat.

Aber dieser Aufschwung des niederländischen Humanismus
und der niederländischen Philologie knüpfte nur zu einem ge⸗—
wissen Teile an die Bewegung im inneren Deutschland an. Maß—
gebend wurde für ihn vielmehr der Zusammenhang mit Frank⸗
reich, wie er durch den Calvinismus vermittelt ward, und eine
besondere, eingeborene Anlage speziell für die grammatische und
kritische Behandlung der Texrte.

Die französische Philologie hatte in der zweiten Hälfte