Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 159
des 16. Jahrhunderts, noch vor den Zeiten, da die italienische
Gelehrsamkeit nicht minder wie die binnendeutsche zusehends
verfiel, einen mächtigen Aufschwung genommen, gefördert ebenso⸗
sehr durch die geistige Regsamkeit der Calvinisten wie durch die
Gunst des Hoses. Große Talente waren hervorgetreten und
hatten die schon vorhandene Richtung vornehmlich auf die stoff⸗
liche und enzyklopädische Bearbeitung des Altertums vertieft.
Es war eine Bewegung, die in den Arbeiten des Triumvirats
Lipsius (1547 -1606), Scaliger (1540 - 1609) und Casaubonus
(1559— 1614) gipfelte: von Lipsius und namentlich Scaliger
wurde sie unmittelbar nach den Niederlanden übertragen.

Hier aber verband sie sich — und eben das bedeutete einen
außerordentlichen Fortschritt — mit dem tiefgrabenden, kritisch⸗
formalen Sinne der Söhne des Landes. Gewiß war ein be⸗
stimmtes Verständnis des Altertums auch dann schon möglich,
wenn man sich an die meist schlechten Texte der ersten Aus⸗
gaben der Autoren hielt, wie sie nach Handschriften gedruckt
worden waren, die Glück und Zufall dargeboten hatten. Allein
eine in jeder Hinsicht gesicherte Auffassung der Antike war doch
nur aus gereinigten, auf Grund voller Kenntnis der gesammten
Überlieferung hergestellten Texten erreichbar. Die Herstellung
solcher Texte aber setzte wiederum die eingehendste Vertiefung
in den Wortlaut, den Sprachgebrauch und die Grammatik der
einzelnen Autoren und damit zugleich deren genaueste formale
Durchdringung voraus. Es sind Zusammenhänge, die Goethe
unübertrefflich in die Worte gekleidet hat: „Man war zuletzt
veranlaßt, den Buchstaben der Werke näher zu untersuchen;
mehrere Abschriften gaben zu Vergleichen Anlaß. Ein richtigeres
Verständnis führte zum besseren Ubersetzen. Dem geistreichen
Manne mußten bei dieser Gelegenheit Emendationen in die
Hand fallen und der reine Wortverstand immer bedeutender
werden.“

Nun waren gewiß diese Aufgaben sowie die höheren Auf—
gaben der Interpretation, insofern diese zum Verständnis einer
Stelle auch analoge Inhalte und nicht bloß analoge Formen
anderer Siellen heranzieht, auch schon vor den Niederländern