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Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
geübt worden: die erste Theorie der Kritik und Hermeneutik
hat noch ein Italiener, Robortello (1516- 1567), in seinem
Buche De arte seu ratione corrigendi antiquos libros auf⸗
gestellt; und auch den Franzosen waren verwandte Aufgaben
nicht fremd. Allein voll erblühte die Kunst der Interpretation
doch erst in den Niederlanden.

Da ist es denn bezeichnend, daß ihr erster großer Vertreter,
Justus Lipsius, ein noch in die Schule der Franzosen gegangener
Niederländer war. Ein wenig achtenswerter Charakter, ein
kirchlicher Renegat, aber ein überaus großes formales Talent,
hat er, sonst einem unsteten Wanderleben ergeben, in den
Jahren 1579 -1590 an der jungen Leidener Hochschule gewirkt,
ndem er vor allem der Kritik und Erklärung der alten Autoren,
insbesondere seines Lieblingsautors Tacitus, lebte. Sein Nach⸗
folger aber wurde ein noch Größerer, Scaliger. Auch Scaliger
darf nicht als hervorragender Charakter gelten; man hat ihm
mit Recht nicht bloß eigentlichen Geschmack, sondern auch Wahr⸗
heitssinn absprechen können; und seine Schicksale waren nicht
minder bewegt wie jene des Lipsius. Wissens chaftlich aber vereinte
er mit der scharffinnigen kritischen Anlage seines Vorgängers
zugleich den Sinn für einen Ausbau der formalen Philologie
zur Archäologie, zur Altertumswissenschaft. Was er hier in
seinem Buche De emendatione temporum (1583) und noch mehr
n dem Thesaurus temporum vom dahre 1606 für die antike
Chronologie und das unmittelbare Verständnis der antiken
Tatsachenwelt geleistet hat, ist auf mehr als anderthalb Jahr⸗
hunderte unübertroffen geblieben. Freilich ist Scaliger auch
hier über eine Archäologie, insoweit sie durch das praktische
Bedürfnis der Interpretation antiker Autoren angeregt ward,
nicht hinausgegangen; ein eigentlich historischer Sinn ist ihm,
wie allen den Realien zugewandten Philologen noch bis zum
Schlusse des 18. Jahrhunderts, abgesehen von ganz wenigen
Ausnahmen, fern geblieben.

Nach dem Tode Scaligers (1609) schloß die eigentliche
Blütezeit der holländischen Philologie. Zwar hat das 17. Jahr⸗
hundert noch eine reiche Ausbreitung philologischer Gelehrsam⸗