wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 161
keit gesehen: im Sinne Scaligers wirkte noch der Franzose
Salmasius (1588 1658), wenn auch schon etwas epigonenhaft
trocken, und neben und nach ihm tummelte sich eine große
Schar einheimischer Gelehrten, die beiden Heinsius, Gerhard
Vossius, Gronovius, Junius; sie alle sorgfältigem Studium
der Grammatik ergeben, kühn vermutend, weitschweifig er⸗
klärend, in gewaltiger Anhäufung archäologischen Stoffes. Auch
noch während des 18. Jahrhunderts gedieh in den Nieder⸗
lamben eine weltabgeschiedene Philologie; und in dem nun still
und unergiebig gewordenen Herrscherbereich Ihrer Hochmögenden
kann den Hemsterhuis, Schultens, Burman, Ruhnken, Wytten⸗
bach, Valckenaer nicht so leicht ein Minister oder Diplomat, ein
Dichter oder Maler in seinem Berufe ebenbürtig zur Seite
gestellt werden. Allein das goldene Zeitalter der niederländischen
Philologie war dahin.

Hierfür aber lag der Anlaß nicht allein in dem Rückgange
des Lebens der Republik überhaupt. Die Philologie des
16. Jahrhunderts und noch teilweis des 17. Jahrhunderts war
eine praktische Wissenschaft gewesen; ja die Philologie ist
vielleicht überhaupt, in ihrem engeren Sinne, eine praktische
Wissenschaft. Denn ihre Aufgabe ist zunächst, das Verständnis
der geistigen Erzeugnisse einer fremdgewordenen Vergangenheit
herbeizuführen, um den Inhalt dieser Erzeugnisse der Gegen⸗
wart überschaulich und beherrschbar zu machen. Sie ist darum
in ihrem selbständigen Erblühen an Zeiten der Renaissance ge⸗
bunden; und mit dem Verfall solcher Zeiten wird sie in ihrer
Bedeutung zurückweichen. Freilich bleibt ihr auch dann noch,
insofern sie Interpretationskunst ist, eine große Aufgabe: sie
wird zur Wissenschaft jeglichen geschichtlichen Verständnisses
und damit zu einer der wichtigsten Handhaben für die Er—
weiterung des geistigen Horizontes überhaupt. In diesem Sinne
hat sie shhon im 17. und 18. Jahrhundert der Geschichtswissen⸗
schaft große Dienste geleistet und leistete sie deren im 19. Jahr⸗
hundert noch viel mehr; in diesem Sinne ist sie aber auch nicht
so sehr eine selbständige Geisteswissenschaft wie eine Methode und
eine Voraussetzung historisch⸗geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 11