62 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

IV.
1. Die Geisteswissenschaften zerfallen dem Denken der
Gegenwart, genau wie die Naturwissenschaften, in praktische
und theoretische, angewandte und der unmittelbaren · Beziehung
auf die Sorgen des Tages bare. Angewandte Geisteswissen⸗
schaften sind von alters her Theologie und Jurisprudenz; seit
den letzten Jahrhunderten aber sind neben sie zahlreiche weitere
angewandte Disziplinen in gewaltiger Entwicklung getreten, so
die Pädagogik, die Nationalökonomie u. a.

Die theoretischen Geisteswissenschaften sind, scharf betrachtet,
alle geschichtlich: denn das menschliche Geistesleben vollzieht sich
in der Zeit. Insofern und insoweit die angewandten Geistes⸗
wissenschaften von den theoretischen abhängig sind, ist damit
die Historie die-Mutter und Vormünderin aller Geisteswissen⸗
schaften überhaupt; eine durchaus zentrale Stellung nimmt sie
ein, die ihr durch keinerlei Emanzipation einzelner Disziplinen
geraubt werden kann.

Dies gilt auch von derjenigen Disziplin, die, von anderer
Seite her betrachtet, für die fundamentale der Geisteswissen⸗
schaften gehalten werden könnte, von der Psychologie. Gewiß
isi die Psychologie gleichsam die Mechanik der Geisteswissen⸗
schaften. Allein während die Mechanik ihre Gesetze auf Grund
eines Geschehens aufstellt, das zwar in der Zeit verläuft, aber,
soweit menschliches Urteil und Schauen reicht, in diesem Ver—
laufe keine Veränderungen an sich erleidet, gilt das nicht für
das der Psychologie zugrunde liegende seelische Geschehen.
Gewiß scheinen sich auch in ihm, soweit unsere unmittelbare

Erfahrung trägt, gewisse Arten von Vorgängen ganz ständig
und ausnahmslos zu wiederholen, und dies scheint um so mehr
der Fall zu sein, je mehr sich psychisches Geschehen allgemeinen
Lebensvorgängen überhaupt nähert. Allein das gilt eben auch
nur für diese Teile des seelischen Geschehens. Daneben stehen
andere, von denen für jeden weiteren und zugleich unbefangenen
geschichtlichen Blick aus unmittelbarer Betrachtung der geschicht⸗
lichen Überlieferung feststeht, daß sie sich ändern. Daß dem