Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 163
aber wirklich so ist, läßt sich auch auf andere Weise dartun.
Darüber, daß es nur eine Mechanik gibt, besteht kein Zweifel;
und deren Gesetze sind, eins nach dem andern, in immer höherer
Integration des Gesamtwissens im Laufe der letzten drei bis vier
Jahrhunderte aus unveränderten Tatsachen abgeleitet worden.
Hat fich aber nun etwa in gleichem Sinne eine Psychologie ent⸗
wickelt? Keineswegs; die Psychologie des 14. und 15. Jahr⸗
hunderts ist qualitativ eine ganz andere gewesen als die des
16. und 17. Jahrhunderts und diese eine andere als die späterer
Zeiten. Um es anders auszudrücken: jedes Zeitalter hat die
Psychologie seines Seelenlebens gehabt. Und wie sollte es
auch anders gewesen sein? Jedes Zeitalter hat eben sein
Seelenleben seiner Lehre von der Seele zugrunde gelegt.

Indem dies der Fall war, und da es gewiß richtig
ist, daß den Geisteswissenschaften die Psychologie als ein sie
leitender Faktor zugrunde liegt, ergibt sich aber, daß die jeweilige
Entwicklung der Geisteswissenschaften, der angewandten wie der
theoretischen und das heißt im Grunde historischen, von der
jeweiligen Entwicklung der Psychologie in hohem Grade ab—
hängig sein muß. In der Tat ist dies so; und wir werden
sehen, inwieweit dieser Zusammenhang zunächst für das historische
Denken des individualistischen Zeitalters zutrifft.

Die Psychologie des 16. Jahrhunderts war noch eine
Psychologie des Wunderglaubens gewesen. Ihr war die Seele
als eine Komplexion von Elementen erschienen, deren Zu⸗
sammenhang durch den magischen Einfluß von Geistern, die
hinter der Ratur waltend gedacht wurden, bestimmt wäre.

Die Psychologie des 17. und teilweis auch des 18. Jahr—
hunderts war die Lehre von jener individualistischen Seele, die
der Außenwelt wie den himmlischen Mächten als etwas Ab—
geschlossenes gegenübertrat, jedem Wechsel nach Zeit und Raum,
aus geographischen etwa oder ethnologischen Gründen, fern, in
ihrem obersten Vermögen nur auf den Verstand gestellt als ein
Gefäß von intellektuellen Kräften, von dem angenommen wurde,
daß es zu allen Zeiten und unter allen Klimaten gleich bleibe.

Die Psychologie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts

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