164 F Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.
endlich betrachtete die Seele immer mehr als eine Aktualität;
als einen Schauplatz und Durchgangsplatz gleichsam der ver—
schiedensten psychischen Regungen. Sie trat daher der Frage
nach dem Wesen der Seele und ihrer Kräfte, dem Kardinal⸗
problem der Psychologie des 17. und 18. Jahrhunderts, ferner;
ind den Charakter der seelischen Regungen als solchen rein
empirisch zu erkennen, wurde zu ihrem vornehmsten Ziele.

Diese Entwicklung der Seelenlehre — und des ihr zu—
grunde liegenden Seelenlebens — erklärt es, warum das, was
wir heute historische Auffassung nennen, erst den letzten andert⸗
halb Jahrhunderten angehört; denn erst diese erkennen die
psychischen Eigenschaften genauer, die, über das Individuum
hinausgehend, die Vergesellschaftung der Individuen und damit
auch das geschichtliche Leben, wie wir es verstehen, bedingen.
Die vorhergehende psychologische Periode des 17. und 18. Jahr⸗
hunderts dagegen bleibt bei ihrer Auffassung der Persönlichkeit
diesen tieferen Gründen des geschichtlichen Lebens fern; nur
das Wirken der Einzelpersönlichkeit, des historischen Helden,
konnte sie begreifen. Sie sah daher den geschichtlichen Ver—
lauf als begriffen an, wenn sie ihn aus den Motiven der
leitenden Persönlichkeiten abzuleiten vermochte: es ist die große
Zeit des Pragmatismus, von der wir an einer späteren Stelle
noch genauer hören werden.

Was endlich die hier zur Betrachtung stehende Periode
des 16. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts angeht, so erlaubte dieser die geltende Psychologie
üͤberhaupt noch keine Art des geschichtlichen Verständnisses, die
sich vom Wunderglauben und uns höchst unwahrscheinlich er⸗
scheinenden Analogieschlüssen völlig ferngehalten hätte.

Und dem entsprach denn natürlich der Zustand der theo⸗
retisch-historischen Geisteswissenschaften dieser Zeit. Insofern
die Auffassung des geschichtlichen Stoffes in Frage kam,
steckten sie noch aufs tiefste in einer willkürlichen, ins Trans⸗
scendente abschweifenden Motivierung; und auch soweit sie sich
dieser persönlich-willkürlichen Motivierung enthoben, galt für sie
mmer noch die aus dem christlichen Offenbarungsglauben des