Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamis mus u. Naturalismus. 165
Mittelalters herübergerettete historische Metaphysik der Kirchen—
väter.
Für das, was persönliche Durchdringung des historischen
Stoffes in dieser Zeit bermochte, gibt es wohl kein charakte⸗
ristischeres Beispiel als dasjenige Luthers. Für ihn sind Evan⸗
gelium und Teufel, Gott und Satanas noch die großen hinter der
Welt der geschichtlichen Erscheinungen stehenden Kräfte. Und der
geschichtliche Verlauf des letzten Jahrtausends besteht ihm darin,
daß der Teufel die Kirche dem Papsttum unterworfen hat, in⸗
dem er sich vermöge seiner Werkzeuge, der Irrlehrer, in die
Schrift einschlich. Nachdem er so in die Schrift hinein⸗
gekommen, „brach und riß er aus zu allen Seiten und richtete
ein solches Gerümpel in der Schrift an“, daß auch deren
Feinde sich auf sie berufen konnten und können. So sind der
Papst und Mahomet groß geworden, so noch heute die Ketzer.
Freilich: „Papatus est principis Satanae pestilentissima
abominatio.“

Eine Auffassung des geschichtlichen Verlaufes, die in dieser
Art auf einfache und klare Gegensätze zugespitzt wäre, begegnet
nun freilich in den zahlreichen Chroniken des 16. Jahrhunderts,
die den wolt⸗ oder nationalgeschichtlichen Stoff überliefern, nur
selten; wo aber ein allgemeineres Denken auftaucht, da läuft
es doch meist auf eine der lutherischen sehr ähnliche, nur un⸗
gleich zahmer zum Ausdruck gebrachte Anschauung hinaus.
Dabei hielt man aber anderseits noch die alte universalistische
Betrachtungsweise des Mittelalters fest, welche die Weltgeschichte
nach den Prophezeiungen Daniels in sechs Weltalter teilte,
deren letztes von Christi Geburt bis zum jüngsten Gerichte
reichen werde. Denn dieses supranaturale System, begründet
von seiten Julius Africanus', aus der Heiligen Schrift weiter
gefördert durch Eusebius, Hieronymus und Augustin, durch die
Throniken Isidors von Sevilla und Bedas dem Mittelalter
als allgemeinste Grundlage seiner geschichtlichen Betrachtungen
vermittelt, entsprach im ganzen auch noch den geschichtlich—
psychologischen Grundlagen der historischen Anschauung des
16. Ind'der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts: noch Johann