Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 167
15. Jahrhundert der Bruch mit der Vergangenheit, den die
Humanisten wenigstens für ihre Person vollzogen, dann im
16. Jahrhundert unendlich viel tiefer die ungeheure Kluft, die
die Reformation zwischen Mittelalter und Neuzeit befestigte,
dazu nun auch das wachsende praktische Bedürfnis, einige ge—
schichtliche Quellen, so vor allem das Neue Testament, dann
aber auch die wichtigsten Denkmäler der Kirchen- und Profan—
geschichte sowie die Schriften der Alten durchaus richtig, d. h.
historisch zu verstehen.

So finden sich denn die ersten Spuren eingehender Kritik
schon im 15. Jahrhundert: bereits der Kardinal Nikolaus von
Kues hat auch auf diesem Gebiete einschneidend gewirkt. Um—
fassend aber wurde die historische Kritik doch erst zu der Zeit
entwickelt, da der Protestantismus beflissen war, aus einer zer⸗
setzenden Erörterung der Vergangenheit des Katholizismus neue
Kräfte zu gewinnen. In diesem Sinne war es die kritische
Weiterführung und Prüfung zugleich der lutherischen Geschichts⸗
anschauung, wenn in den Jahren 1559 bis 1574 eine Anzahl
protestantischer Gelehrter unter der Leitung des Flacius Illyricus
eine ausführliche, bis zum 14. Jahrhundert fortgeführte Kirchen⸗
geschichte, die sog. Magdeburger Eenturien, erscheinen ließen,
die der katholischen Überlieferung mit scharfer und vielfach sieg—
hafter Kritik eine neue evangelische Auffassung entgegenstellte.
Natürlich erfolgte hierauf seitens der katholischen Kirche der
Gegenschlag; er liegt vor in den stoff⸗ und baͤndereichen Annales
occlesiastici des Kardinals Baronius (1588 -98).

War es so im 16. Jahrhundert schließlich doch vor allem
der Gegensatz der Konfessionen, aus dem der kritische Sinn
Stärkung erfuhr, so spielten im 17. Jahrhundert die Bella
diplomatica eine verwandte, wenn auch nicht gleich wichtige
Rolle. Die deutschen Landesherren waren damals noch in
eifrigen Bestrebungen der Abrundung ihrer Territorien, viel⸗
fach unter Vergewaltigung der kleineren Reichsstände, begriffen.
Es woren Vorgänge, die früher, im 14. und 15. und auch noch

im 16. Jahrhundert, leicht zu gegenseitiger Befehdung geführt
hatten. Jetzt war eine so radikale Behandlung kleinerer terri—