Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 169
Diese beiden Wissenschaften repräsentierten dabei noch ein—
mal klar jenen Dualismus, in dem sich die Anschauungen der
mittelalterlichen Lehre vom Reiche des Geistes gegenüber dem
Reiche der Natur ausgesprochen hatten. Denn der mittelalter⸗
lichen Weltanschauung war das Reich des Geistes, von Gott als
ein Analogon nicht nur, sondern als die eigentliche Grundlage des
Reiches der Natur geschaffen, in zwei Elemente, einen Universal⸗
staat und eine Universalkirche, zerfallen.

Es war eine Auffassung, in der sich die tiefsten Grundlagen
mittelalterlichen Geisteslebens überhaupt widergespiegelt hatten:
der christliche Offenbarungsglaube mit seinem Ideal eines Hirten
und einer Herde und der gebundene Genossenschaftsbegriff, dem
jede Vereinigung von Menschen, da sie ihrer geringen geistigen
Differenzierung wegen ganz in ihr aufzugehen schienen, als
Körperschaft, als organisches Gebilde erschienen und darum der
Begriff der Menschheit nicht anders als in einem organisch ge—
gliederten Universalstaat denkbar gewesen war.

Universalstaat und Universalkirche waren somit dem Mittel⸗
alter die beiden Seiten des Reiches des Geistes, des mystischen
—ED
da ist Christus. Und wie sie aus der Einheit des mystischen
Körpers als genossenschaftliche Bildungen hervorgegangen waren,
so erflossen aus ihren Einheiten wiederum harmonische Vielheiten
tieferer genossenschaftlicher Körper, der Reiche und Landes—
kirchen, der Territorien und Diözesen, der Geschlechter und
Pfarreien: alles Abbilder Gottes, alles Einzelkörper organischen
Charakters mit eigenem Leben, von selbständigem Werte und
mit besonderen Zwecken. Wahrlich: eine großartige Ansicht, die
im späteren Mittelalter in völlig geschlossener Tektonik aus
dem geistlichen und weltlichen Denken zugleich auferbaut er—
scheint: in dem Buche Von der katholischen Harmonie (De con-
cordantia catholica; zwischen 1481 und 1483) des Kardinals
Nikolaus von Kues hat sie noch einmal einen vollendeten Aus—
druck gefunden.

Allein um diese Zeit war sie doch schon durch den Gang
der kirchlich-politischen Ereignisse wie durch eine feindliche