174 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
die Ausbildung einiger gerade für diesen Zweck besonders ge⸗
eigneter Theoreme. Es geschah in dem Sinne, daß die Sou⸗
veränität des Volkes ganz allgemein mehr betont wurde, auch
abgesehen von der für sie in Anspruch genommenen christlich⸗
reformierten Lehre. In dieser Richtung, für eine aus rein ver⸗
nünftigen, nicht mehr Offenbarungsgründen folgende Volks-⸗
souveränität, ließen sich schon einige Aussprüche Calvins an⸗
führen; die Lehre wenigstens, daß es dem Volk erlaubt sei,
einem zum Tyrannen gewordenen Herrscher zu widerstehen und
über ihn zu Gericht zu sitzen, ist dann in Languets Buch
Vindiciae contra tyrannos (1569) schon ganz entwickelt und
wird weithin verbreitet in den den Tagesinteressen unmittelbar
zugewandten Schriften der sogenannten Monarchomachen.

Und so war denn auf dem Gebiete der allgemeinen Staats⸗
lehre der Offenbarungsgedanke von den Lutherischen zwar bei—
behalten, aber nicht ausgebaut worden, während er bei den
Reformierten da, wo er anfangs besonders entwickelt worden
war, seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als im
Schwinden begriffen erschien.

Und in dieser Richtung griff nun auch die katholische
Kirche ein. Sie hatte schon im späteren Mittelalter die Lehren
begünstigt, welche dem Staat seinen göttlichen Charakter ent⸗
zogen, um ihn besser beherrschen zu können: jetzt, im Zeit⸗
alter beginnender Gegenreformation, dauerten diese Tendenzen
fort. Und so trat neben die calvinistischen eine Schar katho—
lischer Monarchomachen.

Wenn nun aber die Kirchen selbst im Begriffe waren, den
Staat seines göttlichen Charakters zu entkleiden und für die
Staatslehre die bisher vorhandenen Schranken des Offenbarungs⸗
glaubens niederzureißen: wer hätte sie denn aufrechterhalten
sollen? Neben dem Gemnossenschaftsbegriff fiel auch diese zweite
Begrenzung und Stütze der älteren, mittelalterlichen Staats—
anschauung.

Klar und einfach trat jetzt demgegenüber aus den
bisher vorhandenen Umhüllungen die Staatsidee des 16. bis
18. Jahrhunderts hervor: das Naturrecht, der Gedanke, daß