180 — Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.
seinen Anfängen hatte Luther der abendländischen Welt ge—
predigt. Der Gottesbegriff des Mittelalters war objektiv ge—
wesen. Der neue Gottesbegriff hatte die Tendenz zum Sub—
jektiven: „Wo ein Herz ist,“ hat Luther gesagt, „das sich auf
etwas vertröstet und verläßt, da ist gewißlich sein Gott.“ Die
mittelalterliche Seligkeit war sinnlich, außer uns ruhend ge—
dacht worden; für Luther war Seligkeit Gefühl der Gnade.
Dem entsprechend war der neue Glaube Lebenshaltung und
als solche Sache des einzelnen. Der Christenmensch als Selbst⸗
priester ein gläubiges Kind seines Vaters im Himmel, die Ge—
meinde unsichtbare Gemeinde der Heiligen: das ward zum Ideal
wenigstens des anfänglichen Luthertums. Freilich: gegenüber
dieser reinsten Fassung der reformatorischen Idee, wie sie Luther
beseligt erlebt und ausgesprochen hatte, drängte die äußere Lage
zu Kirchenbildung und Dogma. Da haben wir denn freilich
schon gesehen, wie die Kirchenbildung in den Kreisen der
Lutherischen scheiterte. Was aber war das Schicksal des
Dogmas?

Ein volles Dogma mit starken sakramentalen Wirkungen
kann in freier Selbständigkeit nur aus einem Zeitalter ge—
bundener Kultur hervorgehen: denn es bedarf der un—
angetasteten Grundlage des Wunderglaubens. Nun war aber,
im Gegensatz zur reformierten Lehre, das lutherische Dogma
noch vielfach sakramentalen Charakters. Fand es damit im
Denken und im Glauben des 16. Jahrhunderts noch den durch—
aus unerschütterlichen Untergrund, der Keime und Früchte eines
selbsteigenen Systems hervorzutreiben geeignet schien?

Es zeigte sich bald: sollte das Dogma entwickelt werden,
so bedurfte es auch materiell, nicht bloß der Formgebung nach,
philosophischer Stützung. Wo aber diese anders finden als in
dem Philosophen, den schon das Mittelalter zur Durchbildung
des Dogmas herangezogen und in seinen Lehren entsprechend um—
gemodelt hatte, in dem vielfach noch mittelalterlich verstandenen
Aristoteles? Trotz alles Abscheus Luthers vor vielen Werken, ja
der ganzen Person des Stagiriten sprach Melanchthon mit den
schon zitierten Worten: carere monumentis Aristotelis non