Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 188
War damit die wichtigste Voraussetzung zur Ausbildung
einer allgemeinen rationalen Weltanschauung gegeben, so trat
den Versuchen, in dieser Richtung vorzugehen, doch noch das
allgemeine interkonfessionell⸗christliche Bewußtsein entgegen. Ja
dieses Bewußtsein wurde um so stärker, je mehr sich nach der
Teilung der alten universalen Kirche des Mittelalters in Kon—
fessionen und der sich wenigstens in der reformierten Kirche
teilweis fortsetzenden Zerstückelung der Konfessionen in Sekten
die Überzeugung aufdrängte und verbreitete, daß den Lehren
all dieser Sekten und Konfessionen denn doch eine allgemeine
christliche Wahrheit zugrunde liegen müsse. Es ist jene Über⸗
zeugung, die namentlich im 17. Jahrhundert zahlreiche Versuche
hervorgerufen hat, die einzelnen Konfesfionen auf Grund des
ihnen Gemeinsamen zu einer einzigen großen Kirche zusammen⸗
zufassen.

Allein darüber hinaus erkannte die erstarkende Vernunft
jener Tage je länger je mehr noch ein anderes, ihrem Wesen
erst recht entsprechendes Ziel: das der Aufstellung einer natür⸗
lichen Religion als einer gemeingültigen Grundlage nicht bloß
aller christlichen Konfessionen, sondern aller Religionen über—
haupt. Es ist klar, was das bedeutete: es war die Erhebung
der Vernunft über den Glauben, die Umkehrung aller mittel⸗
alterlichen Vorstellungen vom Verhältnis beider zueinander und,
bei der Bedeutung aller Religion als Weltanschauung, der
vollendete Sieg des Rationalismus.

Erst in der Aufklärung des 18. und teilweis noch des
19. Jahrhunderts hat die Vernunft diesen, übrigens auch dann
noch bestrittenen Triumph ganz gefeiert; die Anfänge einer
rationalen Betrachtung der Religion aber sind schon in einigen
geistigen Strömungen des 15. und der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts zu finden.

Mittelbar wirksam waren hier gewiß schon so gewaltige
Vorgänge wie die Reformation auf kirchlichem, die Erweiterung
der Erd- und der Weltansicht auf weltlichem Gebiete. Wie
hätte nicht die eine durch ihre Vereinfachung der Erscheinungs—
welt, die andere durch ihre Beseitigung der Chöre der Märtyrer