Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 185
gemeine geistige Bewegung bedeutend. In der Seele Melanch—
thons lag ein doppeltes Kraftzentrum beschlossen, ein religiöses,
das durch Luther durchgebildet und beherrscht ward, und ein
freieres, philologisch-philosophisches. Indem Melanchthon diesem
zweiten, im Grunde ursprünglicheren nach Luthers Tode immer
mehr zum Ausleben verhalf, gelangte er zu einer Theorie, die
ihm Luthertum und Stoa bis zu einem gewissen Grade zu
vereinigen gestattete. Gewiß hielt er an dem ja eben mit
seiner Hilfe dogmatisch durchgebildeten Evangelium fest: aber
innerhalb der Offenbarung ließ er jener Stoa einen gewissen
Spielraum frei, die ihm als der vollkommenste Ausdruck mensch⸗
licher Vernunft erschien: ja, was nur immer am Christentum
natürlicher Auffassung zugänglich erschien, das glaubte er eben⸗
falls durch Vermittlung des von den Alten zum höchsten Glanze
entfalteten lumen naturale, der natürlichen Vernunft der
ciceronianischen Lehre erkennen zu dürfen. Auf diese Weise
schuf er der antik-rationalen Betrachtung innerhalb des Luther—
tums einen nicht unbedeutenden Platz und gelangte zu einer
Verbindung von Antike und Evangelium, die im lutherischen
Protestantismus Jahrhunderte hindurch wirksam gewesen ist
und in ihren Ausläufern noch heute fortlebt.

Zu völlig ungehinderter Fortentwicklung aber brachte es
die Lehre von der natürlichen Religion doch nur in den Nieder⸗
landen, dem ereignisreichsten Schauplatze des Calvinismus und
dem frühesten Horte freiester Bibelinterpretation in deutschen
Landen, und darüber hinaus in England.

In den Niederlanden vereinigte Coornhert (1522- 1590)
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Strömungen,
die einer Entwicklung des Begriffs der natürlichen Religion zu⸗
strebten, fast ganz in seiner Person, der „Fürst der Libertiner“.
Von wunderlichen Schicksalen, anfangs Fechtmeister, Musik—
lehrer, Schauspieler, dann Kupferstecher, seit 164 Notar und
Stadtschreiber zu Haarlem, seit 1572 Sekretär der Staaten von
Holland, wandelte er vornehmlich in den Geleisen Senecas
und verband damit den erasmischen Begriff der Philosophie
Christi: das Ergebnis war ein allgemeines adogmatisches