186 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Christentum im Sinne etwa der Grundlage einer natürlichen
Religion.

Die von Coornhert unter den niederländischen und fran⸗
zösischen Protestanten entfachte Bewegung ging dann nach
England über, während sie in den Niederlanden durch die
Wendung, die ihr Arminius gab, vertrocknete!. Dort dagegen
führte sie in praktischer Richtung zunächst zu der Auffassung
von Hales, die dessen Freund Chillingworth in seinem Werke
über die Religion der Protestanten (1637) noch konsequenter
begründete: daß absolute Duldung unter den protestantischen
Bekenntnissen herrschen müsse. Theoretisch aber erhielt sie ihren
ersten vollendeten Ausdruck in den Lehren Herberts von Cher⸗
bury (De veritate, 1624; De reéligione gentilium, 1645);
in ihnen wird auf dem Wege einer Zergliederung des natür—⸗
lichen religiösen Erkenntnisvermögens ein erstes vollständiges
System der natürlichen Religion aufgestellt. Die Niederlande
nahmen an dieser Entwicklung dann nur noch insofern teil,
als die Remonstranten Daniel Tilenius und Hugo Grotius
Herbert von Cherbury zur Herausgabe seiner Schrift De
séritate ermuntert haben. In das innere Deutschland aber
drangen die englischen Stimmungen, wenn auch verflachend, so
doch immerhin so weit, als Reformierte saßen; von einer posi⸗
iben Mitarbeit an ihrer tieferen philosophischen Durchdringung
freilich war nicht die Rede. —

Der Gedanke der natürlichen Religion, wie wir ihn bisher
kennen gelernt haben, lag also fast zu genau derselben Zeit
klar ausgeprägt vor, da das Naturrecht durch Hugo Grotius
eingehender begründet worden war: in Staat wie Kirche hatte
die rationale Auffassung des Lebens über Offenbarungsglauben
und mittelalterliche Gebundenheit gesiegt oder wenigstens zu
siegen begonnen. Die erste große Entwicklungsstufe einer neuen
praktischen Richtung der Geisteswissenschaften im Zeitalter des
Individualismus war damit zurückgelegt.

Es war zur selben Zeit, da auch die Naturwissenschaften

1S. dazu oben S. 33.