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Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Descartes war eine in sich gezogene, vornehme, empfind⸗
liche Natur; in ausgesprochenster Weise lebte er allein der
Wahrheit und der Selbsterziehung zu ihr: so sind seine philo—
sophischen Werke erst spät ans Tageslicht getreten, die Essais
philosophiques 1637, die Meditationes de prima pbhilo-
zophia 1641, die Principia philosophiae endlich, ein Versuch
systematischer Übersicht seiner Lehren, 1648.

Mit Descartes erst setzt das allgemeine Denken des voll
entwickelten individualistischen Zeitalters ein: darum ist seine
Philosophie bis zum Schlusse dieses Zeitalters, bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts, von maßgebendem Einflusse geblieben.

Diese Philosophie ist deduktiv, und insofern ist sie vor⸗
nehmlich, in dem noch heute aus dem individualistischen Zeit⸗
alter her gebräuchlichen Sinne des Wortes, Metaphysik. Ge⸗
wiß läßt sich ja auch eine induktive Metaphysik denken. Denn
was verstehen wir unter Metaphysik? Jedes Wissen ist lücken⸗
haft und bedarf zu seiner Ergänzung, wie sie einem uns inne⸗
wohnenden Drange des Erkennens Bedürfnis ist, der Hypo—
thesen. Diese Vermutungen nennen wir, insofern sie ersten
Grades sind und unmittelbar an das sicher erscheinende Wissen
anschließen, wissenschaftliche Hypothesen; insofern sie aber letzten
Grades sind und oberste Vermutungen bilden, die andere, unter
ihnen verlaufende Hypothesen wiederum zu stützen geeignet

sind, sind sie Metaphysik. Es läßt sich mithin aus dem Be—⸗
reiche des jeweils vorhandenen Wissens heraus sehr wohl auch
auf dem Wege vornehmlich induktiv begründeter Hypothesen
eine Metaphysik als denknotwendige Ergänzung des allgemeinen
Wissens aufstellen.

Allein nicht dies war der Weg der Philosophie des in⸗
dividualistischen Zeitalters. Für ihre Entwicklung machte sich
vielmehr ein Zug geltend ähnlich dem, der in der Staatslehre
zur Gegenüberstellung von souveränem Individuum und sou⸗
beränem Staat geführt hatte, und dieser bedingte die De—
duktion. Wurde die Einzelpersönlichkeit als ein für sich be—
stehender, in sich abgeschlossener und in der Vernunft als ein⸗
heitlicher Seelentätigkeit gipfelnder Mikrokosmus begriffen, so