Wifsenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 189
mußte den Individuen, die sich so verstanden, die Welt als
ein ihrer eigenen Konstruktion analoger Makrokosmus er—
scheinen: mithin als in sich durchaus abgewogen, im Grunde
gegensatzlos und von einem Prinzip getragen. In der Tat
ar das die Anschauung des individualistischen Zeitalters.
Huldigte man ihr aber, so war es offenbar die Aufgabe der
Philosophie, das Prinzip dieses einheitlichen Makrokosmos auf—
zufinden und aus ihm in reiner Deduktion die Welt der Er—
scheinungen mit ihrer ganzen bunten Fülle abzuleiten. Und so
hat denn das Zeitalter in der Tat auch noch nach den Tagen
den Pandynamismus die Aufgabe der Philosophie verstanden:
darum tritt in deren Mittelpunkt eine Metaphysik durchaus
deduktiven Charakters.

Wird aber die Welt der Erscheinungen als von einem
Prinzipe her in einfacher Deduktion zu erkennen begriffen, so
kann es auch nur eine einzige Methode geben, vermöge deren
die Aufgabe der Erkenntnis sicher zu lösen ist. Und diese
Methode ist für Descartes und sein Zeitalter die mathe—
matische.

Es ist eine Lösung, die nach dem Verlaufe der intellektuellen
Bewegung bis auf Descartes unvermeidlich war!. Sehen wir
von mittelalterlichen Vorläufern, wie Roger Baco, ab, so hatte
schon Melanchthon es klar ausgesprochen, daß Zählen und
Denken, Dialektik und Arithmetik aufs engste miteinander ver⸗
wandt seien; von diesem Gesichtspunkte her hatte er bereits die
Fesseln der aristotelischen Syllogismen gelockert; und stellte er
die mathematische Methode nicht unmittelbar über die her—
kömmliche Logik, so beruhte doch schon nach ihm die Dialektik
ebensowohl wie die Mathematik auf Axiomen, die keineswegs aus
der Anschauung zu gewinnen wären, sondern unabhängig von
aller Erfahrung erst ihrerseits die Ordnung der Erfahrung er—
möalichten.

Uber diesen Standpunkt ging nun Descartes noch weit
hinaus. Ihm waren die mathematischen Begriffe nicht bloß

1 S. dazu oben S. 141 ff.