192 Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.
der mathematischen Methode, ausgehend von der Tatsache
unseres im Denken gegebenen Selbstbewußtseins, die ganze
Welt der Erscheinungen rational, in vernünftiger Überlegung,
nachschaffen.

Dies vernunftgemäße Nachschaffen der Welt ist nun das
große Arbeitsprogramm des Rationalismus, das Descartes zu⸗
nächst fuür das Gebiet der mathematisch-physikalischen Er—
scheinungen zu bewältigen versucht hat, das dann Spinoza für
biel weitere Kreise der Erscheinungen aufnahm, und dessen
Durchführung im einzelnen schließlich das ganze Zeitalter des
Individualismus und dessen Folgebewegungen noch später be—
schäftigt hat, ja teilweis noch heute beschäftigt. Das Ergebnis
aber war die vom System erforderte Rationalisierung nicht
bloß der Welt der Erscheinungen, sondern auch der meta—
ohysischen Welt. Da wurde die Idee Gottes nicht etwa gläubig
aus dem Gefühl der Endlichkeit gegenüber dem Unendlichen,
der Unvollkommenheit gegenüber dem Vollkommenen abgeleitet,
sondern aus der rationalen Klarheit und Deutlichkeit des
Gottesbegriffs, und so wurde der Glaube zur Aufklärung.
Da hieß Wollen nunmehr den Wert des Gewollten vernünftig
erkennen; höchste sittliche Betätigung empfing ihren Antrieb aus
klarer und deutlicher Erkenntnis vernunftmäßiger Ziele; und
der Unterschied des Bösen und Guten verschmolz mit dem des
Wahren und Falschen. Da hieß Empfinden vernünftig nach⸗
ahmen, da ward die Poesie zur Gelehrsamkeit und die Kunst
zum lernbaren Handwerke eines lernbaren Geschmackes.

Die Grundzüge des späteren Rationalismus und auch
schon der Aufklärung liegen so bereits in dem System des
Descartes beschlossen: in den Jahrzehnten der ersten vollen Ent—
wicklung des Individualismus und in dem Lande seiner
kräftigsten deutschen Entfaltung lebend hat er den Zeit—
genossen aus tiefster Seele gesprochen.

Aber neben ihm und über ihn hinaus dauerten doch noch
Züge des Alten fort. Noch war der Pandynamismus des
16. Jahrhunderts keineswegs ganz verschwunden, und neben
ihm hielten sich, vor allem eben in den Niederlanden, noch