Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 198
lange Zeit Reste alter mystischer Vorstellungsarten. Und diese
haben noch einmal, nach Descartes, aufs innigste freilich schon
mit dem Geistesleben des rationalen Individualismus ver—
quickt, einen gewaltigen Ausdruck gefunden in dem philo—
sophischen Systeme Spinozas.

2. Während im inneren Deutschland der Weihrauchduft
der Mystik seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zu verdampfen
begann, wurde in den Niederlanden, neben anderen mystischen
Strömungen, zunächst noch die Lehre des Descartes ins Mystische
fortgebildet.

Anlaß hierzu gab die unklare Substanzenlehre des Philo—
sophen, aus der nur der eine Punkt immer wieder in un—
vermittelter Deutlichkeit hervorsprang, daß die beiden Arten
endlicher Substanzen, individualer Geist und Materie, sich un⸗
abhängig gegenüberstanden. Wie leicht war es da nun für jedes
mystisch bestimmbare Denken, den Zusammenhang beider, wie
er trotzdem stetig wahrnehmbar war, durch ständige Regu—
lierung seitens einer geheimnisvoll wirkenden Gottheit zu er⸗
klären! Es war die Lehre der niederländischen Okkasiona—
listen.

Auf diese Grundlage aber, welche die Selbständigkeit von
Körper und Geist schließlich zugunsten eines pantheistisch ge—
färbten Gottesbegriffs aufhob, baute dann das Haupt dieser
Schule, Geulincx (1628 1669), in seiner Ethik (1665) Lehren,
die ganz im Sinne einer höheren Stufenbildung zur mittel—
alterlichen Mystik verliefen. Hatte diese Mystik die Beugung
erst nur der Erkenntnis, dann auch des Willens in Gott ge—
fordert, so forderte Geulincx jetzt die Beugung des Selbst-
bewußtseins, ja unmittelbar des ganzen Ichs. Was hat die
Vernunft, so führte er aus, d. h. die Dominante des Selbst⸗
—E
ein innerliches Verhältnis doch nicht besitzt? Sie ziehe sich
auf sich zurück: und in der Erkenntnis ihrer Natur wird sie

Lamyprecht. Deutiche Geschichte. VI. 18