Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 195
Gemeinde frühe Tochterkolonieen nach England, Hamburg und
Dänemark entsandt wurden.

Aus diesen Verhältnissen ist Baruch Spinoza hervor⸗
gegangen. Im Jahre 1682 als Sohn armer Handelsleute zu
Amsterdam geboren, besuchte er zunächst die berühmte Rabbiner—
schule seiner Geburtsgemeinde, in der ihm die Schätze der mehr
als tausendjährigen jüdisch-spanischen Gelehrsamkeit zugeführt
wurden. Aber es ist charakteristisch für die Zeit und den
Mann, daß ihm diese Lehren nicht genügten. Er strebte den
allgemeinen Bildungsvoraussetzungen seines Jahrhunderts zu;
er las die Schriften Bacons, Descartes', Hobbes' und nicht am
letzten Giordano Brunos. So reckten sich seine geistigen Inter⸗
essen über die der Glaubensgenossen empor; er ward verstoßen;
einsam stand er nun da, ein Sohn nur noch seines nieder—
ländischen Adoptivpaterlandes, keiner Gemeinschaft des Glaubens
und der Sitte zugetan; heimatlos wanderte er von Ort zu
Ort, bis seine Bedürfnislosigkeit im Haag eine dauernde
Stätte fand. Hier hat Spinoza, von seiner Hände Arbeit
lebend, ganz für sich, ganz ein Kind Gottes und ein Gefäß
seiner Gedanken, ruhig dahingelebt, Jahr um Jahr, wunsch—
und willenlos glücklich. Als er dann im Jahre 1670 den
Tractatus theologico-politicus veröffentlichte, jenes seiner
Werke, das vielleicht am unmittelbarsten in die schroffen prak⸗
tischen Folgen seines Denkens einführt, da war das Aufsehen
freilich ungeheuer, und die Welt bekreuzigte sich vor dem
Heiden. Spinoza aber blieb trotzdem anscheinend willens, der
Welt das Ganze seiner Ideen zu vermitteln, und nur das Ein⸗
schreiten von Rabbinern, Pastoren und Cartesianern zugleich
verhinderte das Erscheinen der „Ethik“ noch zur Zeit seines
Lebens. Als er dann 1677, ein längst siecher Schwind—
süchtiger, verschieden war, wurden noch im selben Jahre seine
Werke veröffentlicht, darunter sein wichtigstes Buch, eben die
„Ethif“.
Spinozas Gedankensystem ist der Ausdruck seiner Zeit;
aber weniger vielleicht als manches andere große Philosophem
läßt es sich ganz verstehen ohne volle Kenntnis der Eigenart

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