198 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
aus; sie konstituieren allgemeine Sphären des Lebendigen, nicht
schon dieses selbst. Wie aber kommt es darüber hinaus zur
Individuation? Hier hilft wiederum eine geometrische Analogie:
wie aus der Natur des Raumes folgt, daß es Dreiecke und
andere geometrische Formen bestimmter Art gibt, so folgt aus
der Natur Gottes, daß es bestimmte Daseinsarten (modi) von
Lebewesen und Körpern gibt. Die Folge ist dabei durchaus
abstrakt und zeitlos gedacht, — sehr entfernt ist Spinoza von
jedem Entwicklungsgedanken des 19. Jahrhunderts, wie auch
Leibniz, ja Herder es noch gewesen sind: erscheint uns die ewige
Folge unter zeitlicher Kategorie, so ist das nur das Ergebnis
unserer verworrenen und an die ewigen Wahrheiten nicht heran⸗
reichenden Anschauungsweise. Wie nun freilich im genaueren
die Daseinsarten von Lebewesen und Körpern aus der Gott—
heit hervorgegangen sind, und warum gerade diejenigen, die
wir kennen, das erklärt Spinoza nicht. Genug, daß wir eine
unendliche Fülle solcher Daseinsarten vor uns sehen, daß sie
ohne die Möglichkeit des Zufalls untereinander in ununter⸗
brochenem Zusammenhange stehen, und daß ihr gegenseitiges
Ineinswirken, soweit sie den beiden Sphären des Geistigen und
des Körperhaften angehören, stets in Harmonie verläuft. Wie
sollte es auch anders sein? Folgen sie doch alle aus demselben
alleinen Grunde, aus Gott.

Es war ein scheinbar ungemein einfaches und überaus
konsequentes System, das Spinoza erbaut hatte. Allein es
war, wie wir gesehen haben, in wesentlichen Punkten doch in der
Psychologie und mithin auch im Seelenleben der Zeit verankert.
Und an einem Punkte erkannte, so scheint es, Spinoza die
zeitliche Beschränktheit. War das menschliche Selbstbewußtsein
tatsächlich durch den Verstand, die intellektuelle Funktion, ge⸗
nügend charakterisiert? Ordneten sich ihm die sogenannten
niedrigeren Vorgänge der Empfindung, des sinnlichen Gefühls,
des Triebes in der Tat so ganz unter, wie man wähnte?
Störte nicht allein schon die Tatsache ihres Daseins und
ihrer Unterordnung das System? Denn bezeichnete man diese
niedrigeren Vorgänge als Daseinsarten des allgemeinen Denkens,