200 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Wirkung der radikalen praktischen Konsequenzen, die der un—
erbittlich folgerichtige Philosoph aus ihnen herleitete.

Aus der ganzen ursprünglichen Auffassung des Verhält—
nisses des Denkens zur Ausdehnung wie des Verhältnisses
dieser zur göttlichen Grundlage ergab sich nämlich Spinoza
wie ein ständiger Parallelismus so auch eine lückenlose Kau—
salität der einzelnen Daseinsformen des Denkens und der Aus—
dehnung: und damit erschien auch das Leben des Menschen
unter den strikten Geboten einer absoluten Notwendigkeit. Und
das galt Spinoza nicht bloß für das menschliche Denken,
sondern, bei der schließlich doch auch von ihm geteilten Auf—⸗
fassung der Zeit, im Willen eine intellektuelle Funktion zu sehen,
auch für den Willen. So ward Spinoza zum Prediger einer
erbarmungslosen Unfreiheit des Willens: alles menschliche Tun
stand ihm unter dem Einfluß mechanischer Kausalität.

Erschien da nun ein sittliches Leben überhaupt noch denk⸗
bar? Unser Philosoph gewann seine Möglichkeit trotzdem durch
die sinnreiche Verknüpfung zweier Gedankenreihen, deren eine
für seine Zeit charakteristisch ist, während die zweite über sie
bis zu einem gewissen Grade hinausragt und dadurch weiterhin
den späteren bedeutenden Einfluß der spinozistischen Philosophie
auf die Anfänge subjektivistischen Lebens zur Zeit unserer
Klassiker zu erklären vermag.

Zunächst erschien Spinoza als Ziel menschlicher Vollendung
die Vernunfterkenntnis: mit Descartes und anderen Denkern
des 17. Jahrhunderts ist er einig darin, daß derjenige, der die
am meisten klaren und deutlichen Vorstellungen hat, nicht bloß
am weisesten, sondern auch am tugendhaftesten ist: Weisheit und
Tugend fallen ihm wie dem ganzen rationalistischen Zeitalter
zusammen.

Aber damit verknüpft er, vielleicht nicht ohne Einfluß des
Stoizismus, der ihm durch die niederländische Philologie ver—
mittelt worden war, ein Weiteres. Nach seiner Idee des
Parallelismus von Denken und Ausdehnung muß der Weiseste
und Tugendhafteste zugleich auch der an Körper und äußerem
Wirkungskreise Kräftigste sein. Nicht bloß Weisheit und Tugend,