Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 201
auch Weisheit, Tugend und Macht fallen zusammen. So ist
das Streben nach sittlicher Vollkommenheit zugleich Streben
nach vollster Kraftentfaltung der menschlichen Natur und
Tugend vollstes Ausleben der menschlichen Selbsterhaltungs⸗
und Tätigkeitstriebe. Es ist eine Auffassung, die über den
einzelnen hinausführt in die Gesellschaft, die der Anschauung
des Individuums als Aktualität nahetritt und damit vor—
wärts weist, hinein in die psychologische Auffassung und
den Charakter des Seelenlebens seit der Mitte des 18. Jahr—
hunderts.

Aus der Kombination beider Gedankenreihen aber folgt
für Spinoza, daß der Weiseste und Tugendhafteste zugleich auch
immer der Mächtigste ist: und damit erscheinen, trotz aller
Gebundenheit des Willens, die Forderungen des sittlichen
Empfindens dennoch gewahrt.

In den Folgerungen indes, die Spinoza aus diesen Zu—
sammenhängen zieht, bleibt er der Hauptsache nach noch
völlig im Rahmen seines Zeitalters. Indem er von der Ethik
zur Politik übergeht, konstruiert er den Staat ganz im Sinne
des indibidualistischen Naturrechts und in Anlehnung an Hobbes
nicht als das oberste Ergebnis der organisch-sozialen Zusammen⸗
hänge psychischer Aktualitäten, sondern vielmehr als Resultat
vereinzelt und mechanisch miteinander ringender Selbsterhaltungs⸗
triebe und das Recht somit als den Umkreis der Einzel⸗
betätigung dieser Triebe; und in dem Kampfe aller gegen alle
um Dasein und Macht, den er damit entfesselt und meisterhaft
zu schildern weiß, stehen die Individuen nicht als mannigfach
sozial verknüpfte Persönlichkeiten gegeneinander, sondern als
Atome, unteilbar, unnahbar, ohne Ausstattung mit den Eigen—
—D

Dementsprechend sieht Spinoza die höchste Vollendung
sittlich-menschlichen Wesens schließlich doch nicht so sehr in der
machtvollen Auswirkung plastischer— Persönlichkeit wie in der
Tugend, die da Vernunft ist, d. h. in der Glückseligkeit der
Erkenntnis. Erkenntnis heißt ihm dann freilich, seinem meta—
ohysischen Ausgangspunkte entsprechend, im tiefsten Grunde Er—