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Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.
fenntnis Gottes. Und diese Erkenntnis versteht er nicht als
faltes, bloß rationales Fürwahrhalten, sondern als Glauben,
ja mehr: als inniges Aufgehen in dem Gedanken Gottes.
So wird ihm schließlich der Zustand höchster sittlicher Voll—⸗
kommenheit doch wieder, hinweg über allen individualisierenden
Rationalismus, ein Stand der Liebe in und zu Gott, ein
pantheistischer Eros — ja, da die Liebe, mit der der Mensch
as Alleine umfängt, schließlich nichts ist als die Liebe eines
schwachen Teils zum unendlich vollendeten Ganzen, eine Liebe
Gottes zu sich selbst, ein amor intellectualis. quo Deus se
ipsum amat.

Spinoza kehrt damit aus dem breiten Getriebe mensch⸗
licher Betätigung, dessen Verhältnis zum Unendlichen er fest⸗
zustellen suchte, zurück zum Ausgangspunkt seiner überweltlichen
Anschauungen, zu dem ersten und letzten Gedanken des alleinen
Gottes. Dieser Gedanke in seiner pantheistischen Form aber
wird bei ihm nirgends theoretisch motiviert; praktisch vielmehr
tritt er auf als eine Forderung religiösen Bedürfnisses. Das
berknüpft Spinoza mit dem Mystizismus der vergangenen Jahr⸗
hunderte und der Frömmigkeit der folgenden; das macht ihn
den Zeiten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich
mit Ekel von der religiösen Verflachung des Rationalismus
abwandten, zum Führer in die dunkeln Gebiete des Jenseits
und zum Propheten des Unfaßbaren. Eben dieser Grund⸗
gedanke aber brachte ihm zugleich und aus denselben Gründen
die herbste Verurteilung seiner und der nächstfolgenden Zeiten.
Selbst die Konfession, welche einem reinen Theismus nahestand
and wiederholt Fuhlung mit dem Pantheismus gewonnen hatte,
berwarf ihn: im Jahre 1678 verdammten die calvinistischen
Kuratoren der Universität Leiden seine nachgelassenen Werke
und verlangten deren Verbrennung durch Henkershand. Und
selbst diejenigen Wissenschaften, die auf die Annahme irgend⸗
eines kraftbefeelten Monismus angewiesen ers chienen, die Natur⸗
wissenschaften, wandten sich von ihm ab: sogar ein Boerhave
hat in seiner Jugend Spinoza bekämpft.