Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 203
3. So steht Spinoza da als ein Eckstein der Zeiten: in
diesem Juden traf sich die Mystik des Mittelalters mit dem
Rationalismus der Gegenwart; und aus diesem Zusammenstoße
entwickelte sein scharfer Geist Reflexe, deren unsichere Lichter
tief hineindrangen in die Zukunft von mehr als einem Jahr⸗
hundert. Sein System, der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts angehörig, mahnt daran, daß wir am Ende jenes
merkwürdigen Zeitalters stehen, das, etwa die letzten sechs bis
sieben Generationen vor der Mitte des 17. Jahrhunderts um⸗
fassend, die Überführung des Denkens aus der mittelalterlichen
Gebundenheit zu der Emanzipation im Rationalismus erlebt
hat. Es war kein Vorgang, der fich in einfachen Linien ab—
spielte. Es bedurfte des ganzen angestrengten Ringens so vieler
Geschlechter, um ihn zu verwirklichen. Dem Versuche, noch
einmal mit den systematisierten und ins große gefaßten Mitteln
des mittelalterlichen Denkens eine freie Wissenschaft und eine
selbständige Weltanschauung zu begründen, wie er im Pan—⸗
dynamismus vorlag und an der Unzulänglichkeit dieser Mittel
notwendig scheitern mußte, war der Befreiungskampf gegen die
wichtigsten Formen der mittelalterlichen Gebundenheit gefolgt,
gegen den dogmatisierten Offenbarungsglauben und die An—
schauungen korporativer Gebundenheit. Und in diesem Kampfe,
im Gegensatze zugleich zum Pandynamismus, hatte sich jung und
kräftig ein wissenschaftlicher Naturalismus erhoben, der, ganz
auf den seelischen Lebensformen der Zeit, auf der Konstruktion
der individualistischen Persönlichkeit fußend, den Naturwissen⸗
schaften eine eigene, die mathematische Methode gab und den
Staat dem Naturrecht, die Kirche der natürlichen Religion zu⸗
zudrängen suchte. Und in der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts war man in diesen wissenschaftlichen Bestrebungen
fchon erstarkt genug, um über sie hinaus, mit dem Versuche,
fie abzuschließen, das System einer rationalen Weltanschauung
im ganzen entstehen zu sehen: die Philosophie des Descartes
zog ein Fazit des bisher Errungenen und entwickelte aus ihm
das Programm eines zukünftigen, allgemeinen Ausbaus des
Raͤtickalemus. Über ihn hinaus aber verband Spinoza die