Viertes Rapitel.
Die darstellenden und die bildenden Rünste.

l. Schärfer vermutlich als für die Gegenwart und die
Vergangenheit etwa der letzten sieben Jahrhunderte wird man
für das frühere Mittelalter zwischen Kunstmusik, die der Kirche
angehörte, und Volksmusik unterscheiden müssen. Es sind uns
allerdings aus dieser Zeit Melodien des Volksliedes unmittelbar
nicht erhalten. Ja auch aus späterer Zeit, aus dem 14. und
15. Jahrhundert, haben wir für sie nur eine sehr dürftige
direkte Überlieferung, wenn auch durch eine genauere Durch—
arbeitung der Kunstmusik dieser Zeit, deren Melodik vielfach
Volkstümliches zugrunde lag, die bisher zugängliche Masse der
Tradition gewiß noch sehr vermehrt werden wird.

Gleichwohl aber, obwohl wir von der Volksmusik des
früheren Mittelalters kaum etwas und von der des späteren
nur wenig unmittelbar wissen, können wir uns doch von
ihrem Charakter aus den Reaktionen und Weiterbildungen
ihr gegenüber, die die spätere Entwicklung aufweist, sowie
aus den unmittelbaren Überlebseln in dieser eine ziemlich
eingehende Vorstellung machen. Danach war das Melodische
in ihr weit mehr ausgeprägt als im Kunstgesang; doch werden
bei der Melodiebildung der Hauptsache nach schwerlich größere

Dieser Abschnitt ist schon gedruckt in der Wiener Wochenschrift
„Die Zeit“, Nr. 183, 184, 185 (1899).