206 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Intervalle als die der Terz, Quart und allenfalls noch Quinte
bewältigt worden sein.

Für den Vortrag aber blieb man im wesentlichen, wenn
auch kleine Versuche der Harmonisierung vorgekommen sein
mögen, bei dem einstimmigen Gesang, der Monodie. Und
diese Monodie des Volksgesanges war, soweit es sich nicht etwa
um gelegentliches blühend⸗sinnliches Jubilieren des Einzelnen
nach Art des Vogelgesanges handelte, nicht die freie einer
einzigen Stimme, die sich in lebendigster, die vollste Dynamik
der Tonbildung umfassender Stimmung, in dem, was wir Be—
seelung des Gesanges nennen, ergossen hätte, sondern sie war
eine gebundene Monodie. Man sang unisono, aber gewisser⸗
maßen unbeseelt, so wie heute die Kinder, die marschierenden
Soldaten, die kneipenden Studenten wie auch Kirchengemeinden
und große Volksmassen in Augenblicken politischer Bewegung
zu singen pflegen. Damit trat die individuelle Empfindung,
das Verstärken und Abschwächen, das Verdünnen und Ver—
dicken des Tones, kurz das Persönliche der musikalischen
Stimmung zurück, mochte es auch an sich, wenngleich gegenüber
der heutigen Ausdehnung dieser Elemente nur in eng und
dürftig begrenztem Maße, vorhanden sein: der Ton war noch
objektiv und in der Hauptsache nur durch seine musikalische
Höhe, sein mathematisch-physikalisches Element gleichsam, nicht
durch sein individuell-menschliches gekennzeichnet. Das aber
war eine Ausbildung des Volksgesanges, die, aus der grund⸗
legenden musikalischen Stimmung der Nation hervorgegangen,
zugleich auch den Charakter der Kunstmusik des Mittelalters
miterklären hilft.

Vor allem war auch die Kunstmusik grundsätzlich nur Ge—
sang; soweit Instrumentalmusik in den primitivsten Anfängen
vorkommt, dient sie nur dürftigster Umrahmung und Stützung
des Gesanges; daneben spielen die Instrumente höchstens noch
zur Betonung des Rhythmus beim Tanz und Kampfesgang
eine gewisse mehr volkstümliche Rolle. In allen diesen Fällen
aber werden die Instrumente kaum schon zu mehr als zur Ton⸗
füllung des Gesanges und zur Angabe des Rhythmus ver—